In Bewegung

Konferenz der gen­technik­freien Regionen

Auf der diesjährigen GMO free Regions Conference stand – natürlich – das für die Bewegung äußerst erfreuliche Urteil des Europäischen Gerichtshofes (Rechtssache C-528/16) vom 25. Juli über neue Mutageneseverfahren im Mittelpunkt. Entsprechend groß war der Jubel als über die Sozialen Netzwerke ein Gruß geschickt wurde an die französischen Kolleg*innen, die mit ihrer Klage den Stein – dieses Verfahren – ins Rollen gebracht hatten (siehe Bild oben). Selbstredend wurde auch über die neuen gentechnischen Verfahren selbst gesprochen, insbesondere über die sogenannten Gene Drive-Mechanismen. Das Treffen der Nichtregierungsorganisationen fand zum neunten Mal statt. In diesem Jahr in Abstimmung mit dem Netzwerk der EU-Regionen (siehe „Fortsetzung der Vorsorge“, Kurz notiert, Seite 21 in diesem Heft) Insgesamt haben sich mehr als 200 Aktive in Berlin getroffen, die aus mehr als 30 Ländern kamen. Darunter waren auch einige aus nicht europäischen Ländern, zum Beispiel eine Delegation aus Japan, mit der sich GeN-Mitarbeiter*innen Judith Düesberg und Christof Potthof im Anschluss an die Konferenz zu einem persönlichen Austausch trafen.

➤ Dokumentation der Konferenz im Netz unter www.gmo-free-regions.org.

Tod eines Aktivisten

Der weltweit bekannte argentinische Anti-­Glyphosat-Aktivist Fabián Tomasi ist Anfang September nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Tomasi hatte sich in Kampagnen stark gegen die massive Nutzung von Agrargiften in der Landwirtschaft seines Heimatlandes eingesetzt. Über Jahre hatte er sich in Vorträgen – zum Beispiel in Schulen seiner Heimatregion – an die Öffentlichkeit gewandt, um auf die Vergiftung des Landes aufmerksam zu machen. Tomasis wachsende Bekanntheit war zuletzt auch dem argentinischen Fotografen Pablo Piovano zu verdanken, der über Jahre die Anbauregionen Argentiniens besucht hatte. Für seine Fotoserie „Besuch in einem vergifteten Land“ ist Piovano in diesem Jahr mit dem Henri Nannen-Preis ausgezeichnet worden. Tomasi war in dieser Serie einer der Protagonisten – schwer gezeichnet von seiner Krankheit, bestand Tomasi am Ende nur noch aus Haut und Knochen. In Argentinien hat sich der Verbrauch an Agrargiften seit Einführung von gentechnisch veränderten herbizidtoleranten Pflanzen um ein Vielfaches erhöht. Oft werden die Pestizide mit Flugzeugen ausgebracht, Sicherheitsabstände zu Dörfern und Siedlungen werden in der Praxis nicht eingehalten. Tomasi hatte selbst jahrelang solche Flugzeuge geflogen und musste dabei ohne Schutzkleidung mit den Pestiziden hantieren. Seit Jahren warnen auch Mediziner*innen vor den Folgen des Pestizideinsatzes in dem Land. Zum Beispiel berichtete der selbst mittlerweile verstorbene argentinische Arzt Andrés Carrasco bereits 2010 im GID von seinen Forschungsarbeiten, in denen er die Zusammenhänge zwischen der Nutzung der Gifte und Entwicklungsstörungen beim Menschen aufzeigte.

➤ Ein Artikel von Fabián Tomasi in englischer Sprache findet sich unter www.kurzlink.de/gid247_s.
➤ GID-Artikel von Christof Potthof: „Von Fröschen, Hühnereiern und Menschen“, GID 202, Oktober 2010, online unter www.gen-ethisches-netzwerk.de/node/1853.
➤ Die Fotoserie von Pablo Piovano findet sich unter www.pablopiovano.com oder www.kurzlink.de/gid247_2.

„Lebensschutz“ in der Sackgasse

Am diesjährigen „Marsch für das Leben“ in Berlin nahmen rund 3.500 christlich-fundamentalistische Abtreibungsgegner*innen teil und damit ebenso wenige wie 2017. Der veranstaltende Bundesverband Lebensrecht (BVL) gab eine Zahl von 5.500 an, immerhin ein Drittel weniger als die 7.500 Teilnehmenden, die letztes Jahr behauptet worden waren. Auch strategisch ist die „Lebensschutz“-­Bewegung in die Defensive geraten: Während sie noch 2016 offensiv den „Kulturkampf“ ausgerufen hatte, konnte sie der großen feministischen Mobilisierung gegen den Paragrafen 219a und das „Werbeverbot“ nichts entgegensetzen. Das große Thema der nicht-invasiven pränatalen Tests wurde unter anderem verhandelt.

www.apabiz.de

#unteilbar: Solidarität statt Ausgrenzung

Am 13. Oktober haben in Berlin bis zu 250.000 Menschen „für eine offene und freie Gesellschaft“ demonstriert. GeN- und GID-Mitarbeiter*innen konnten leider nicht vor Ort dabei sein. Wir hatten schon seit längerer Zeit für diesen Termin ein Klausurwochenende geplant, das wir nicht verschieben konnten. Aus der Ferne haben wir mit großer Freude verfolgt, wie viele Menschen dem Aufruf gefolgt sind und sich – bei allen Differenzen – hinter dem gemeinsamen Motto „Solidarität statt Ausgrenzung: Für eine offene und freie Gesellschaft“ versammelten.
Teil dieser Demonstration war auch ein Block, der sich aus den Unterstützer*innen der früheren „Freiheit statt Angst“-Demo heraus gebildet hatte, der das GeN über die letzten Jahre verbunden war – und weiter ist.

www.unteilbar.org, www.freiheitstattangst.de

Disability Studies Konferenz

Seit 2003 fand erstmals wieder eine Konferenz der Behindertenbewegung im deutschsprachigen Raum statt. Die Tagung „Zwischen Emanzipation und Vereinnahmung“ hat die gesamte Bandbreite der Disability Studies abgebildet. Die Vertreter*innen der Disability Studies sind sich darin einig, dass es sich bei Behinderung nicht um ein naturgegebenes, überhistorisches Phänomen handelt, sondern um eine gesellschaftlich negativ bewertete körperliche Differenz, die im jeweiligen historischen und kulturellen Kontext betrachtet werden muss. Mehr als 200 Forscher*innen der verschiedenen Fachrichtungen nahmen die Gelegenheit zum Austausch unter barrierearmen Bedingungen war. Ein deutschsprachiges Netzwerk wurde gegründet, das diesen Austausch verstetigen will und auch Wissenschaftler*innen ohne Behinderung offensteht. Ein Tagungsband ist in Vorbereitung.

www.disko18.de

Unpräzises genetisches Phantombild

Ein Offener Brief des Gen-ethischen Netzwerks hat Wirkung gezeigt: Das EU-geförderte Großprojekt VISible Attributes Through GEnomics (VISAGE) drückt sich in seiner Kommunikation über „Erweiterte DNA-Analysen“ neuerdings differenzierter aus. Das GeN hatte, wie zuvor verschiedene Wissenschaftler*innen, kritisiert, dass zumindest einige Projektbeteiligte den Stand der von ihnen entwickelten Technologie, „DNA-Phantombilder“ für polizeiliche Ermittlungen, sehr beschönigend darstellen und Risiken herunterspielen würden. Seit September enthält die Webseite von VISAGE nun einen neuen Absatz in dem erklärt wird, dass der verwendete englische Begriff des „DNA composite sketch“ etwas meint, dass unfertig und unpräzise ist, so wie die Analysen es tatsächlich seien. Das Projekt weist nun an selber Stelle auch auf die „sehr berechtigte Sorge hin, dass DNA-Phänotypisierung in einer Art benutzt werden könnte, die voreingenommen gegenüber Minderheiten ist“ (Übersetzung: ib) – ein großer Kritikpunkt des GeN an den so genannten Erweiterten DNA-Analysen. Zudem schreiben sie, dass zwei Projektbeteiligte 2018 aus dem wissenschaftlichen Beirat einer Firma zurückgetreten sind, die die umstrittenen DNA-Analysen kommerzialisieren will. Diesen möglichen Interessenkonflikt hatte der Offene Brief des GeN im Juli dieses Jahres ebenfalls kritisiert. Der Brief war die Antwort auf eine Interviewanfrage durch ein Teilprojekt von VISAGE, dass ethische und soziale Aspekte der Technologie erforschen will. Das GeN hatte eine Mitwirkung abgelehnt, da das übergeordnete Projektziel von VISAGE, die breit angelegte Routineanwendung der Technologie in Polizeiermittlungen, im Widerspruch zu einer wirklich ergebnisoffenen Klärung seiner ethischen und sozialen Problematiken steht.

➤ Projektwebseite von VISAGE (Stand: 17.10.2018): www.visage-h2020.eu/#FAQ
➤ Offener Brief an VISAGE: www.gen-ethisches-netzwerk.de/node/3799/

EKD zum Bluttest

Die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) hat im November eine Broschüre zur „Nichtinvasiven Pränataldiagnostik“ veröffentlicht und möchte so einen „evangelischen Beitrag zur ethischen Urteilsbildung und zur politischen Gestaltung“ leisten. Darin ändert sie ihren bisherigen Kurs und befürwortet die Finanzierung der pränatalen Bluttests auf Trisomie 21 durch die gesetzlichen Krankenkassen. Dies hat in religiösen und säkularen Kreisen Proteste ausgelöst. Zur anstehenden parlamentarischen und gesellschaftlichen Debatte siehe auch Seite 35 in diesem Heft.
Auch das GeN hat kürzlich unter dem Motto „Normalität hinterfragen, grundsätzliche Debatten führen, Ausweitung verhindern!“ einen Flyer zum Thema Bluttest erstellt, in dem unsere Kritik am Bluttest aber auch an der pränatalen Diagnostik generell knapp und verständlich zusammengefasst wird. Er kann beim GeN bestellt werden, zum Beispiel für Veranstaltungen oder Arztpraxen.

www.ekd.de/nichtinvasive-praenataldiagnostik-37971.htm

GID-Redaktion

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
247
vom November 2018
Seite 4 - 5