Rezension: Prozess und Art
„Gene sind keine dauerhaften materiellen Entitäten, sondern temporär existierende Prozesse“ (S. 11) - das ist die zentrale Essenz von Kirsten Schmidts aktuellem Buch „Was sind Gene nicht? Über die Grenzen des biologischen Essentialismus“. Schmidt ist Biologin und promovierte im Jahr 2007 mit einer tierethischen Arbeit. In der aktuellen Veröffentlichung argumentiert sie auf Basis aktueller molekularbiologischer Ergebnisse, für ein komplexes Verständnis von Entwicklungsprozessen und gegen einen statischen ‚Gen‘-Begriff. ‚Gene‘ sollten dabei nicht einfach im Zusammenspiel mit anderen zellulären Faktoren betrachtet werden, weil sie so weiterhin zu fixen Einheiten erklärt würden. Stattdessen schlägt die Autorin vor, ‚Gene‘ selbst als Prozess zu denken und damit unter anderem in den Blick zu bekommen, dass sie häufig nicht als strukturelle Einheiten nebeneinander auf der DNA ‚vorliegen’, sondern die einzelnen Sequenzen eines Gens oft über die DNA ‚verstreut‘ sind und erst durch chemische Modifikationen eine temporäre funktionale Einheit entsteht. Schmidt schreibt: „Gene ‚tragen‘ keine Information. Vielmehr konstituiert umgekehrt der Syntheseprozess, mit seinem Zusammenspiel unterschiedlicher genischer, extragenischer und nicht-genetischer Elemente, das Gen, das uns lediglich rückblickend als eine bereits vor dem Prozess existierende und auf der DNA lokalisierbare Entität erscheint.“ (S. 231) Um dem prozesshaften ‚genetischen‘ Charakter auch sprachlich Rechnung zu tragen, schlägt die Autorin vor, den Begriff ‚Gen‘ nicht mehr als Substantiv, sondern als Verb zu verwenden (im Sinne ‚ich gene‘, genau wie ‚ich verdaue‘). Erscheinen diese prozessualen Überlegungen vor dem Hintergrund des molekularbiologischen Forschungsstands geradezu zwingend und ist es überfällig, dass auch gesellschaftlich - etwa in der Schule - von der Vorstellung von ‚Genen‘ als kleine determinierende Einheiten abgegangen wird, so ist ein zweiter Schwerpunkt des Buches kritisch zu sehen. Da die genetische ‚Information‘ in den jeweiligen Individuen erst in einem Prozess werde, könne philosophisch nicht von einer solchen ‚genetischen‘ Deckungsgleichheit innerhalb einer Art ausgegangen werden, wie sie mit dem Konzept fixer Gene verbunden war. Die Abgrenzung der Tier- und Pflanzenarten, und damit selbstverständlich auch zum Menschen, sei damit hinfällig. Hiervon ausgehend eröffnet Schmidt gentechnische Überlegungen, ob die Übertragung von menschlichen Zellen zur Erzeugung transgener Mäuse zulässig sein könnte. Die Frage bejaht die Autorin ausdrücklich - eine kritisch zu diskutierende Einschätzung, unter anderem weil es um die Grundfrage geht, was den Menschen zum Menschen macht.
Heinz-Jürgen Voß
➤ Kirsten Schmidt: Was sind Gene nicht? Über die Grenzen des biologischen Essentialismus. Transcript (2013), 344 Seiten, 29,99 Euro, ISBN 978-3-8376-2583-7.