Im Spiegel der Repromedizin

Wie verändern sich soziale Ordnungssysteme durch die Existenz der modernen Reproduktionstechnologien?

Als Louise Brown am 26. Juli 1978, also vor nun fast dreißig Jahren, in der britischen Stadt Oldhem bei Manchester das Licht der Welt erblickte, war dies eine Sensation: “It’s a girl”, titelte die britische Tageszeitung Daily Mail. Für die Exklusivgeschichte der ersten erfolgreichen künstlichen Zeugung eines Menschen im Reagenzglas soll sie Louises Eltern umgerechnet mehr als 600.000 Euro bezahlt haben. Kein Wunder, denn das Experiment, das der mittlerweile verstorbene Frauenarzt Patrick Steptoe und der Biologe Robert Edwards damals durchführten, bot allen möglichen Zukunftsutopien wie Zukunftsängsten Projektionsflächen. Von Anfang an trug Louise Brown auch den wenig schmeichelhaften Beinamen “Retortenbaby”, ein Begriff, der nicht nur die Art ihrer Zeugung, sondern auch sie selbst als industrielles Artefakt, und damit als “nicht normal”, wenn nicht gar unnatürlich, stigmatisierte. Eine weniger fundamentalistische, vor allem feministisch angeregte Kritik an den “neuen Reproduktionstechnologien” setzte eher an den – befürchteten und größtenteils auch eingetretenen – gesellschaftlichen Folgen, vor allem für Frauen, sprich der Veräußerung des Fortpflanzungsprozesses an Technik und vorwiegend männliche Experten an und bemängelte die zunehmende Ökonomisierung des Privaten. Aus dieser Sichtweise führt ein direkter Weg von der ersten künstlichen Befruchtung zu Hormonskandalen und den aktuellen Diskussionen um die embryonale Stammzellforschung, aber auch zur vor einigen Monaten getroffenen Entscheidung der dänischen Regierung, Einkommen aus Samenspenden künftig zu besteuern. Der aktuelle GID-Schwerpunkt geht das Thema – ohne diese technikkritischen Diskussionen dabei aus dem Blick verlieren zu wollen – bewusst mit einem anderen Fokus an. Im Zentrum stehen die sozialen Beziehungen der IVF-Familien: Uns interessiert, wie sich die Repräsentationen gesellschaftlicher Ordnungssysteme und Denkkategorien verschieben: Was bedeutet die “Entnaturalisierung” von Fortpflanzung für die Wahrnehmung und die Ausgestaltung von “Verwandtschaft” oder “Elternschaft”? Welche alternativen Lebenswege eröffnet die Möglichkeit der “Samenspende”? Gehen Männer und Frauen unterschiedlich mit diesen Optionen um? Und schließlich: Welche Herausforderungen stellen diese Verschiebungen an Politik und Ethik?

Beschleunigte Lebensplanung

Im einführenden Text beschreibt Sabine Hess die Bedeutung der “De-Naturalisierung” von Fortpflanzung aus der Perspektive von Berliner IVF-Nutzerinnen und vor dem Hintergrund gesellschaftspolitischer Transformationen. Ihren Ausgangspunkt bilden Interviews im Rahmen eines Forschungsprojektes an der Berliner Humboldtuniversität, das die Auswirkungen der “Reproduktionstechnologien” auf Familiensysteme in der Türkei und Deutschland untersucht. “Der Planungswille zum Kind” erscheint darin auch als Ausdruck einer an die Anforderungen eines flexibilisierten Arbeitsmarkts angepassten beschleunigten Lebensführung: Die Eltern von Louise Brown sollen damals noch neun Jahre lang vergeblich versucht haben, ein Kind auf “natürlichem Wege” zu bekommen, heute beschließen Frauen oder Paare mit “unerfülltem Kinderwunsch” häufig schon nach mehreren Monaten, auf die Angebote der Reproduktionmedizin zurückzugreifen. Obwohl die künstliche Befruchtung weltweit schon an die 200.000 Mal “erfolgreich” angewandt worden ist (und dem eine weitaus größere Zahl fehlgeschlagener Versuche gegnüber stehen), war zumindest die Praxis der Donogenen Insemination, also der anonymen Samenspende, lange ein Tabu. Über Familiengeheimnisse, Furcht vor Stigmatisierung und erste Anzeichen für mehr Offenheit sprach der GID mit der Familientherapeutin Petra Thorn. Schon alleine die Häufigkeit von Vaterschaftsanfechtungen im Zuge von Scheidungsprozessen lässt keine Zweifel daran, dass Biologie und das Wissen um eine leib-haftige Bindung zwischen Eltern und Kind weiterhin eine bedeutende Konstante in der Ausgestaltung verwandtschaftlicher Beziehungen sind. Nicht umsonst hat die Regierung kürzlich einen Gesetzentwurf erarbeitet, der einerseits den Familienfrieden wahren, andererseits aber die Klärung von Abstammungsfragen erleichtern soll. Die heiklen Punkte dieses Unterfangens kommentiert die frauenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen, Irmingard Schewe-Gerigk. Spätestens diese juristischen Probleme dürften deutlich gemacht haben, dass auch die Ethik nur mit neuen Ansätzen auf die neuen Konflikte und familiären Konstellationen im Zuge der Fortpflanzungsmedizin reagieren kann. Die Bedürfnisse von Eltern werden bisher zu wenig berücksichtigt und voreilig als reine Konsumenteninteressen abgetan, sagt die Medizinethikerin Claudia Wiesemann. Ihre Aufforderung, soziale Beziehungen in einer “Ethik der Elternschaft” stärker in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen soll den vorliegenden Schwerpunkt – nicht aber die Diskussion um die sozialen Auswirkungen der Reproduktionstechnologien und ihre Bewertung – abschließen.

Erschienen in
GID-Ausgabe
186
vom Februar 2008
Seite 4

GID-Redaktion

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