Leseraum für ...

Schon in den Verhandlungen über das Freihandels- und Investitionsschutz-Abkommen TTIP zwischen den USA und der Europäischen Union war ein so genannter „Leseraum“ in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Dieser soll helfen, verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen. Weil die TTIP-Verhandlungen wegen ihrer Intransparenz massiv in der Kritik stehen, gibt es im Bundeswirtschaftsministerium mittlerweile einen TTIP-Leseraum - ganz abgeschottet von jeder Öffentlichkeit. Dort dürfen Abgeordnete des Bundestages in TTIP-Dokumenten lesen ... Sie sehen, der Leseraum ist ein wirksames Werkzeug zur Herstellung von Transparenz!

So ist es denn auch kein Wunder, dass dieses Werkzeug auch in anderen Bereichen Schule macht. Gibt es doch auch woanders verlorenes Vertrauen durch fehlende Öffentlichkeit. Bisher nicht veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchungen über das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat sollen nun in einem Leseraum einsehbar sein. Diese Studien wurden zum größten Teil vom Entwickler des Giftes, dem US-Gentechkonzern Monsanto, erstellt und bilden das Rückgrat seiner Risikobewertung in Europa. Diese wurde in weiten Teilen vom deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) erstellt und kommt zu dem Schluss, dass Glyphosat weiter genutzt werden kann. WissenschaftlerInnen der Weltgesundheitsorganisation WHO hatten im vergangen Jahr dagegen die Einschätzung vertreten, Glyphosat sei für den Menschen „wahrscheinlich krebserregend“. Die WHO-ForscherInnen haben die wissenschaftliche Grundlage veröffentlicht, was die EU-Bewertung - wegen der Geheimniskrämerei - unter erheblichen Druck setzt. Medienberichten zufolge hat Monsanto nun auf die Forderung nach der Veröffentlichung der Glyphosat-Studien mit dem Angebot reagiert, einen Leseraum einzurichten.

Hatte ich erwähnt, wie sehr der TTIP-Leseraum seinem Namen gerecht wird? Lesen ist erlaubt, aber nicht mehr: Abschriften machen ist verboten, Abfotografieren der Dokumente ist verboten, nachher über das Gelesene zu sprechen ist selbstverständlich auch verboten.

 

Die GID-Redaktion

 

P.S.: Der eine oder die andere aufmerksame GID-LeserIn dürfte es schon bemerkt haben: Wir haben unsere Redaktionspolitik zum Gendern ein wenig modifiziert. Grundsätzlich bleiben wir beim Binnen-I. Wenn aber AutorInnen lieber den Gender-gap, also den Unterstrich wie in „Autor_innen“ nutzen möchten, soll uns das recht und willkommen sein.

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
235
vom April 2016
Seite 2