Hokuspokus Technikus
Technikkritik: Vom Topthema zum Mauerblümchen
Ein kondensierter Blick in die Vergangenheit ruft in Erinnerung, dass Technik und Technologien in linken Zukunfts- und Gesellschaftsmodellen einen zentralen Platz einnahmen. Technikkritik ist eine hart erkämpfte Errungenschaft mit vielen Stolperstellen.
Das technokratische Versprechen lautet wie folgt: Die Wissenschaft verschafft die Macht über die Natur, die Technik sorgt für die notwendige Transformationskraft und, gut zusammengeschnürt, steigern Wissenschaft und Technik die Wohlfahrt. Dieses moderne Rezept begeisterte schon vor hundert Jahren quer durch die politischen Lager. Ein Beispiel sind die „Technocrats“, eine US-amerikanische Intellektuellen-Bewegung der 1920er Jahre. Im Zeichen der Weltwirtschaftskrise traten sie an, die Irrationalität des Marktes durch planungstechnische Rationalität zu ersetzen. Das technokratische Projekt war also, Technik regieren zu lassen. Dazu gehörte auch die eugenische Verbesserung des Menschen. Symptomatisch für die allgemeine Technikeuphorie der Zeit war, dass sich nicht wenige der EugenikerInnen für die sozialistische Sache begeisterten.
Im Laboratorium
„Kommunismus - das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“, lautet das bekannte Diktum Lenins. Heute muten die sowjetischen Agitprop-Plakate, die die industrielle Arbeitswelt feiern, seltsam an. Im postfeudalen Russland ging es aber primär darum, die materielle Knappheit zu überwinden und zwar durch industriell erzeugte Güterfülle. Der Einsatz aller zur Verfügung stehenden Techniken galt als Voraussetzung. Darüber hinaus waren die Wissenschaften mit der Aufgabe betraut, die Fähigkeiten des Menschen und seines Körpers zu steigern. Sie sollten die notwendigen „Anthropotechniken“ liefern, mit denen sich der „Neue Menschen“ gestalten ließe. Die Sowjetunion war ein Laboratorium dieser visionären Biopolitik. Bei der „wissenschaftlichen Organisation“ der Arbeit und des Alltagslebens und beim Entwurf neuer Stadträume etwa sollten Kunst und Wissenschaft zusammen wirken. Biologie und Physiologie spielten dabei eine zentrale Rolle. Auf der Reflexlehre basierende Psychotechniken sollten die Aufmerksamkeit und das Sehen steuern; mit wechselseitigen Bluttransfusion wurde experimentiert, um die Individuen im Namen des Kollektivs physisch und geistig aneinander anzunähern; Transplantation von Hormondrüsen sollten den Körper verjüngen und seine Kräfte aktivieren.1
Technisierung und ihre Opfer
„Und es wurde alles erklärt, und man muss sagen, die Erklärungen waren vernünftig und unwiderlegbar.“ So beschreibt Bulgakow in seinem Roman „Der Meister und Margarita“ gleichnishaft die mysteriösen Vorgänge in einem durch die technische Gestaltungsmacht entbrannten Moskau der dreißiger Jahre. Eisenbahnen, Hochöfen, Staudämme und Kanäle - als die Schockindustrialisierung voll im Gange war, häuften sich die mitunter tödlichen Zwischenfälle. Das alles verlangte nach Erklärung. Untersuchungen wurden eingeleitet, die dem Wesen dieser Vorfälle auf den Grund gehen sollten. Handelte es sich um Unfälle oder war das der unvermeidliche Blutzoll eines ins Werk gesetzten technischen Utopismus? Oder war der Grund für die Zwischenfälle die Ermüdung der Arbeitsmoral, eine „liberale Haltung zur Arbeitsdisziplin“ oder gar listig eingefädelte „Schädlingsarbeit“? Die ‚Wahrheit’, die die Moskauer Schauprozesse von 1937 ans Tageslicht brachten, ist bekannt: Fremde, trotzkistische Mächte versuchten, das revolutionäre Projekt zu unterminieren.2 Die innere Logik der neuen Gesellschaft kam bei alldem nicht zur Sprache. Es schien geradezu unmöglich, den Zusammenhang zwischen Technisierung und den fatalen sozialen Folgewirkungen zu benennen. Dabei wurden die Industrieunfälle zum Teil bis ins Detail untersucht und beschrieben. Neben dem politischen Willen fehlten für eine kritische Reflexion aber die notwendigen Begriffe. Der gängigen Auffassung zufolge entwickelten sich nämlich Technologie und Wissen unabhängig von der Gesellschaft und nur in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit der Natur. In der Konfrontation der Systeme setzte sich nach dem 2. Weltkrieg diese Geschichte fort. Planungstheorie und Technikeuphorie regierten im sozialistischen Osten wie im kapitalistischen Westen. 1961 brachte der XXII. Parteitag der KPdSU die Wissenschaftlich-Technische Revolution (WTR) auf den Weg. Die DDR folgte diesem Vorbild und startete mit dem Neuen Ökonomischen System (NÖS) ihrerseits ein Programm, das auf die Modernisierung der Produktivkräfte und vor allem auf die Beschleunigung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts abzielte. Dahinter stand die Utopie einer produktivistischen Moderne auf der Jagd nach technologischen Innovationen. Chemische Industrie, Atomenergie, elektronische Datenverarbeitung, Automatisierung und Raumfahrttechnologie galten als Motoren und als Ausdruck einer weltweiten Steigerung der Arbeitsproduktivität, deren Potential jedoch nur der Sozialismus zum Wohle Aller würde nutzen können. Durch alle diese verschiedenen Phasen zieht sich wie ein roter Faden das Primat der Produktionsverhältnisse. Es immunisierte die realsozialistischen Gesellschaften gegen den Verdacht, dass die Dynamik der technischen Revolution die Produktionsverhältnisse selbst verändern könnte.
Die Technokratiekritik dreht den Spieß um
Vor allem Schriftsteller und Schriftstellerinnen begannen in der DDR damit, den Technikkult zu hinterfragen.3 Seit Beginn der 1970er Jahre standen auch die Gefahren der Gentechnologie auf ihrer Tagesordnung. Damit kam ‚die Wissenschaft’ selbst unter Verdacht. (siehe Abb. S. 11) Im Westen waren es vor allem kulturpessimistische und linke Intellektuelle, die die Reduktion der Wissenschaft auf die Rolle als Produktivkraft kritisierten und die Herrschaft der Sachgesetzlichkeit und instrumentellen Vernunft anprangerten. Dass diese Kritik dann politisch wirksam werden konnte, ist wesentlich der Ökologiebewegung zu verdanken. Die Antiatombewegung wandte sich dabei nicht zuletzt gegen die Vorstellung, eine sozialistische Nutzung der Atomenergie sei besser. Die Kritik an der Gentechnologie folgte ihr darin und rückte immanente Eigenschaften, Gesetze und Machtstrukturen der Technologie in den Vordergrund. Technologiekritik wurde nun zum Kernstück der Gesellschaftskritik erhoben.4 Diese technikdeterministische Perspektive ging Hand in Hand mit apokalyptischen Projektionen, nach denen die Gentechnologie das Schicksal der Menschheit besiegelte und automatisch in eine Zukunft der industriellen Menschenproduktion und -zucht führen würde.
Vom Topthema zum Mauerblümchen
Die schlimmsten Befürchtungen dieser Brave New World sind nicht eingetreten. Vor diesem Hintergrund vollzog die Technikkritik Ende der neunziger Jahre eine Wende. Dafür steht nicht nur die Regierungsbeteiligung der „Grünen“. Problematisch erschien auch, dass die Technologiekritik den Machbarkeitswahn der naturwissenschaftlichen Institution für bare Münze nahm. Damit wurden die Grenzen der technikkritischen Debatte deutlich. Mit der realistischeren Einordnung der Symbolik und der gesellschaftlichen Institutionalisierung von Wissenschaft rückten deshalb für viele Linke andere Themen wie Antifaschismus, Antirassismus, soziale Lage und Globalisierung wieder in den Vordergrund. Die Auseinandersetzung mit den neuen Technologien ist damit zum Spezialgebiet für Enthusiasten und Kritikveteranen geworden - die Bewegung gegen die Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen GVOs ausgenommen. Fazit: Nach einem Jahrhundert Technikfixierung gab es noch nie so wenig „Technologie“, ob positiv oder negativ gewendet, in der linken Debatte. Dies könnte der falsche Weg sein. Denn die Analyse biopolitischer Machtformen hat gezeigt, dass gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse und ihre Mechanismen heute eng verknüpft sind mit Körperpolitik, Normalitätsdiskurses und den Einsatzfeldern der Genomforschung.5
- 1Margarete Vöhringer: Avantgarde und Psychotechnik, Göttingen 2004; Heiko Stoff: Ewige Jugend, Köln 2004; Boris Groys (Hg.): Die Neue Menschheit, Frankfurt 2005.
- 2Karl Schlögel: Terror und Traum. Moskau 1937, München 2008, S. 182-194.
- 3Wolfgang Emmerich: Affirmation, Protest und Regression im literarischen Technikdiskurs der DDR, in: Der Technikdiskurs in der Hitler-Stalin-Ära, Stuttgart 1995, S. 241ff.
- 4Susanne Schultz: Selbstbestimmtes Technopatriarchat? Sackgassen einer immanenten feministischen Kritik, in: Geld.Beat.Synthetik: Abwerten bio/technologischer Annahmen, Berlin 1996, S. 76-95.
- 5Thomas Lemke: Biopolitik und Gouvernementalität, Wiesbaden 2007.
Alexander v. Schwerin lehrt an der TU Braunschweig Wissenschafts-, Technik- und Pharmaziegeschichte und ist Mitarbeiter im Forschungsprogramm zur „Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft“ am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin.