Rezension: Ethik und Humangenetik

Die Auffassung, dass Werturteile nicht zum wissenschaftlichen Gegenstandsbereich gehöre dürfen, bildete den Kern einer alten wissenschaftstheoretischen Auseinandersetzung, die in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts im sogenannten Positivismusstreit ihren Höhepunkt erreichte. Sie traf dabei auf die Gegenposition, dass Wissenschaft nicht nur mitverantwortlich dafür sei, wie mit ihren Erkenntnissen hernach verfahren würde, sondern auch immer schon Werte mit produziere. Somit sei die Vorstellung einer rein deskriptiven, also ausschließlich beschreibenden, wertfreien Wissensgewinnung ohnehin eine Illusion. Diese Diskussion wurde weder beendet, noch blieb sie auf sozialwissenschaftliche Disziplinen, in denen der Streit damals entbrannte, beschränkt. Im Gegenteil. In Zeiten exponentieller genwissenschaftlicher und reproduktionstechnischer Erkenntniszuwächse ist das Thema Wissenschaft und moralische Verpflichtung aktueller denn je. So sieht sich insbesondere die Humangenetik, wie kaum ein anderer genetischer respektive medizinischer Forschungszweig, der gesellschaftlichen Kritik ausgesetzt, sie betreibe nicht nur „Fortschritt“ um jeden Preis, sondern missachte gleichzeitig die zahlreichen und schwerwiegenden ethischen Implikationen, die sich zwangsläufig aus der Forschung ergeben. Ob sich auch die deutsche Humangenetik diesen Vorwurf uneingeschränkt gefallen lassen muss, hat Caroline Wolf durch den Vergleich der ethischen Positionen zweier Interessengruppen zu überprüfen versucht, die auf den ersten Blick betrachtet unterschiedlicher nicht sein können: deutsche Humangenetiker sowie ihre Fachgesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik e. V. (Gfh) und die Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V.. Die Vermutung, hierbei handele es sich um eine unfaire Gegenüberstellung mit deutlichen Nachteilen für die genetische Wissenschaft, entpuppt sich nach der Lektüre als Trugschluss. Zu dem überraschenden Ergebnis, das die Autorin dem Leser präsentieren kann, zählt nicht nur die Tatsache, dass die deutsche Humangenetik mit differenziert ausgearbeiteten Stellungnahmen zu beeindrucken vermag, sondern sich darüber hinaus deutlich weniger Differenzen zu den ethischen Standpunkten der Lebenshilfe zu „vorgeburtlichem Lebensschutz“ und „Selektion“ feststellen lassen als angenommen. Wolf offenbart dem Leser damit eine Seite der Forschung am Menschen, die in der öffentlichen Debatte bisher kaum Beachtung findet: Humangenetik und ethische Reflexion schließen sich keinesfalls aus. Diese Aufarbeitung eines gängigen Vorurteils verbindet die Autorin mit der Hoffnung, die oft hitzige und unsachliche Auseinandersetzung zu entspannen und in produktivere Bahnen zu lenken. Durch die Teilnahme an gemeinsamen Tagungen der beiden Vereine konnte sich die Autorin persönlich davon überzeugen, dass sich bereits eine positive Veränderung des Gesprächsklimas verzeichnen lässt. Den Fehler aber, darüber in Euphorie zu verfallen, begeht Wolf nicht. Dafür sind die Unterschiede insbesondere hinsichtlich der Präimplantationsdiagnostik (PID), eine der am heftigsten umstrittenen Anwendungsmöglichkeiten der Humangenetik, einfach zu groß. Die Suche nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten im Hinblick auf ethische Fragestellungen erschöpft sich allerdings nicht in einer bloßen Darstellung der einzelnen Positionen. Nach einem sehr sorgfältigen und umfangreichen Überblick über die Entstehung und Entwicklung der deutschen Humangenetik, der nicht nur Ursprung und Aufstieg der Eugenik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts umfasst, sondern ebenso die nationalsozialistischen Verbrechen und die Zeit nach 1945, mündet die Lektüre in genau jenen problematischen Fragen, die die wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Diskussion rund um diese brisante Thematik dominieren und die anscheinend unlösbaren Schwierigkeiten und Widersprüche aufzeigen: Inwieweit kann es der Humangenetik gelingen, sich von ihrer eugenischen Vergangenheit zu emanzipieren? Kann es eine Humangenetik ohne eugenische Effekte überhaupt geben? Sind gesamtgesellschaftliche Effekte durch humangenetische Eingriffe per se unethisch? Implizieren humangenetische Vorgehensweisen zwangsläufig eine Diskriminierung kranker und behinderter Menschen? Ist PID eine moderne Form eugenischer Selektion, und fördert diese Methode die Nachfrage nach „Kindern nach Maß“? Ist es wahrscheinlich, dass sich Selbstbestimmung und Freiwilligkeit als postulierte Grundprinzipien humangenetischer Beratung und Behandlung durch gesellschaftlichen und institutionellen Druck in Zwang verwandeln? Wolf erreicht durch ihre Arbeit also zweierlei. Zum einen verleiht sie der deutschen Humangenetik ein ethisches Gesicht und trägt somit dazu bei, künftige Auseinandersetzung auf eine rationale und vorurteilsfreie Grundlage zu stellen. Andererseits machen ihre Schlussfolgerungen deutlich, dass es auf viele der hoch komplexen Fragen keine einfachen Antworten geben wird und ein diskursiver Fortschritt mit der Bereitschaft aller Beteiligten einhergehen muss, über die eigenen, häufig dogmatischen Standpunkte immer wieder selbstkritisch zu reflektieren.
Tom Bartneck

Erschienen in
GID-Ausgabe
193
vom April 2009
Seite 53