Editorial

Stammzellen vor unserer Nase

Zuweilen leidet jedeR von uns unter Verfolgungswahn. Direkt vor dem Haus, in dem sich die GID-Redaktion Tag-ein, Tag-aus nach bestem Wissen und Gewissen plagt, ein neues Heft zu produzieren, strahlte uns in den vergangenen Wochen ein junger Mann von einer Werbetafel herunter an: "Entdeck, was in Dir steckt! Stammzellen undsoweiterundsofort..." - "Das kennen wir, wir sind ja vom Fach..." - Passend zum Schwerpunkt dieses Heftes, wirbt mal wieder irgendjemand mit dem Begriff "Stammzellen" für irgendeine eventuelle Hilfe in irgendeiner fernen Zukunft. ...Doch halt! "Stammzellen gegen Leukämie" heißt es im Untertitel des Plakates und geneigte RedakteurInnen reiben sich eher verwundert die Augen über die Comic-hafte Aufmachung dieses Aufrufes zur Beteiligung an der vorweihnachtlichen Aktion. Eigentlich alt-bekannt, früher hieß das "Rückenmark spenden", heute ist von "Stammzellen spenden" die Rede, weil jedeR den Begriff ja jetzt kennt. Geändert hat sich nix. Das Forschen und Heilen mit adulten Stammzellen ist weniger umstritten, als selbiges mit den embryonalen, berechtigterweise. Auch hier geht es um das Anlegen einer Sammlung mit biologischem Material, auf die zurückgegriffen werden kann, wenn jemand eine entsprechende Spende braucht. Nichtsdestotrotz beleuchten wir das Thema des Jagens und Sammelns biologischer Materialien aus der kritischen Perspektive, Werbung dafür gibt es genug, überall und sehr oft. Und eines ist von besonderer Bedeutung: Viele der neuen Biobanken, Genbanken und wie die Banken alle heißen, viele Initiativen dieser Art zielen auf die Konstruktion des/der gesunden Kranken, das heißt, es geht um die Kategorisierung dessen, der die Spende abgibt, in gesund krank, in gesund oder krank per Gen. Diese Tendenz beobachten wir mit Argusaugen und hoffen, dass wir damit helfen, das Knäuel der Begriffe, Forschungen und Versprechungen ein wenig durchsichtiger zu machen. Der Schwerpunkt zu den Biobanken ist jetzt fertig und die Plakatwand wirbt nun für Mobiltelefone...

Erschienen in
GID-Ausgabe
167
vom Dezember 2004
Seite 2

GID-Redaktion

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