Meeting the Needs of the Poor?

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat sich in ihrem Bericht ”Ernährung und Landwirtschaft 2003/2004” ausführlich mit Fragen der Biotechnologie beschäftigt. Diese Veröffentlichung nahmen Nichtregierungsorganisationen zum Anlass, einen offenen Brief an den Generaldirektor der FAO, Dr. Jacques Diouf, zu richten (siehe Kasten). Hier die Erwiderung des FAO-Generaldirektors.

Diejenigen unter Ihnen, die diesen offenen Brief gesehen haben, werden dringend gebeten, meine Rede in der Einleitung des Berichts sowie den Bericht selbst zu lesen, anstatt sich auf Interpretationen dieses äußerst wichtigen und komplexen Themas durch Dritte zu verlassen. Aus diesem Grund übersende ich Ihnen den vollen Text meiner Rede [siehe Fußnote 1]. Die Leser werden darüber hinaus gebeten, zu bedenken, dass sich dieser Bericht zwar auf das Thema Biotechnologie konzentriert, aber nicht dazu gedacht ist, alle Komponenten des breiten Mandats und des Engagements der FAO zur Förderung der landwirtschaftlichen Entwicklung und zur Bekämpfung des Hungers darzustellen.
Der offene Brief führt einige Punkte an, die einer Klarstellung in Bezug auf die Arbeitsweisen der FAO und deren Position zum Thema landwirtschaftliche Biotechnologie, und vor allem zum Thema transgene Pflanzen, bedürfen.

  1. Der Bericht The State of Food and Agriculture wird seit 1947 jedes Jahr veröffentlicht. Der Bericht untersucht entscheidende Entwicklungen im Bereich Ernährung und Landwirtschaft auf globaler, regionaler und nationaler Ebene und liefert eine detaillierte Analyse der wichtigsten Fragen, die diesen Bereich prägen. Er spiegelt die Meinungen der meisten renommierten Experten der Mitgliedstaaten zu diesem Thema wider. Die FAO hat schon immer wissenschaftliche Standpunkte in ihren Berichten respektiert, wobei es natürlich, wie das immer bei kontroversen Themen der Fall ist, unterschiedliche Meinungen gibt.
  2. Was die Biotechnologie anbelangt, muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass der Standpunkt der FAO durch deren zuständige Einrichtungen unter der Leitung der FAO-Konferenz und der Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs bestimmt wird, z.B.:
    • Im Rahmen des Codex Alimentarius der FAO und WHO wurden Grundsätze und Leitlinien für die Bewertung von gesundheitlichen Risiken durch mit Hilfe von moderner Biotechnologie hergestellten Lebensmitteln vereinbart. Lebensmittel, die aus momentan angebauten GVO-Pflanzen gewonnen werden, wurden gemäß aktueller Risikobewertungsverfahren beurteilt und als sicher für den Verzehr erachtet. Allerdings stellt das Nichtvorhandensein von Nachweisen für eine Gesundheitsschädlichkeit des Konsums von aus GVO hergestellten Lebensmitteln noch keine Garantie dafür dar, dass diese auch absolut sicher sind; deshalb empfiehlt die FAO eine anhaltende Überwachung und eine Verbesserung der Risikobewertungsverfahren;
    • Die FAO/WHO Codex Alimentarius Ad Hoc Intergovernmental Task Force on Foods Derived from Biotechnology, die allen Mitgliedstaaten offen steht, ist auf internationaler Ebene verantwortlich für die Ausarbeitung von Standards, Leitlinien oder gegebenenfalls anderen Grundsätzen zu mit Hilfe von Biotechnologie hergestellten Lebensmitteln;
    • Die FAO hat vor kurzem die von den 130 Mitgliedern der Internationalen Pflanzenschutzkonvention angenommenen Leitlinien zur Risikoanalyse von Schadorganismen oder lebenden veränderten Organismen veröffentlicht. Solche Vereinbarungen können zu einer weltweiten Harmonisierung der Regelungsverfahren beitragen.
  3. Was die Nahrungssouveränität anbelangt, verhandelte die FAO sieben Jahre lang und erreichte schließlich den Abschluss des Internationalen Vertrags über pflanzengenetische Ressourcen, der am 29. Juni 2004 in Kraft treten wird. Mit diesem Vertrag werden zum ersten Mal die Rechte der Bauern und die Rechte der Herkunftsländer genetischer Ressourcen auf internationaler Ebene anerkannt. Darüber hinaus werden unter dem Dach der FAO genetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft auf internationaler Ebene durch die internationalen Agrarforschungszentren der Beratungsgruppe für internationale Agrarforschung (CGIAR) erhalten. Überdies unterstützt die FAO Entwicklungsländer bei der In-situ- und In-vitro-Erhaltung ihrer natürlichen genetischen Ressourcen.
    In diesem Zusammenhang möchte ich auch erwähnen, dass die Staats- und Regierungschefs in ihrer Erklärung auf dem Welternährungsgipfel: Fünf Jahre danach (WFS: fyl [five years later]) im Juni 2002 das ”Recht eines jeden Menschen auf Zugang zu gesundheitlich unbedenklichen und nährstoffreichen Nahrungsmitteln” erneut bekräftigt haben. Auf Initiative des FAO-Rates wurde eine zwischenstaatliche Arbeitsgruppe gegründet, um einen Katalog freiwilliger Leitlinien zur Unterstützung wirksamer Politiken und Maßnahmen zur Realisierung des Rechts auf angemessene Ernährung zu entwickeln.
  4. In Bezug auf die Bekämpfung des Hungers wurde auf dem Welternährungsgipfel 1996 vereinbart, die Zahl der Hungernden in aller Welt bis 2015 zu halbieren. In meinen Reden, Interviews und Pressekonferenzen habe ich immer die Diskussionen des WFS: fyl widergespiegelt, indem ich darauf hinwies, dass der mangelnde politische Wille und die mangelnde Mobilisierung finanzieller Ressourcen das Haupthindernis auf dem Weg zur Erreichung dieses Zieles darstellen. Die Umsetzung konkreter Projekte in armen Gemeinschaften in ländlichen und periurbanen Gebieten hat höchste Priorität für die Sicherung von Nahrungsmittelproduktion, Arbeit und Einkommen und somit für die Realisierung einer nachhaltigen Ernährungssicherheit. Diese Projekte sollten besonderen Nachdruck legen auf:
    • Kleinprojekte zum Sammeln von Niederschlagswasser oder zur Be- und Entwässerung (Brunnen, Kanäle, Aufstauen, Tretpumpen, etc.). Aus dem anderen jährlichen FAO-Bericht, The State of Food Insecurity 2003, lässt sich entnehmen, dass 80 Prozent der Ernährungskrisen in irgendeiner Weise mit Wasser, und vor allem mit Trockenheit, zusammenhängen. Trotzdem werden zum Beispiel in Afrika nur 1,6 Prozent der verfügbaren Wasservorräte zur Bewässerung genutzt.
    • Verwendung von verbessertem Saatgut und Setzlingen, vor allem aus der Grünen Revolution und aus konventioneller Pflanzenzüchtung und Gewebekultur; Kombination von organischen und chemischen Düngemitteln in Böden, die nicht mehr brach liegen gelassen werden und nun aufgrund des Bevölkerungsdrucks erschöpft sind und aus denen die Pflanzen eindeutig zu wenig Phosphor aufnehmen können; integrierte biologische Bekämpfung von Schädlingen, Insekten und Pflanzenkrankheiten ohne exzessiven Pestizideinsatz und in Übereinstimmung mit dem unter der Schirmherrschaft des UN-Umweltprogramms (UNEP) und der FAO ausgehandelten Übereinkommen über das Verfahren der vorherigen Zustimmung nach Inkenntnissetzung (PIC Agreement); sowie einfache Nacherntetechnologien;
    • Diversifizierung dörflicher und bäuerlicher Betriebssysteme mit der Einführung einer kurz-zyklischen Tierproduktion (Geflügel, Schafe, Ziegen, Schweine) und der Bereitstellung von Futtermitteln, Impfstoffen und Unterständen; handwerklich betriebene Fischerei und kleine Aquakulturen;
    • Bau von Landstraßen, lokalen Märkten sowie Lagerungs- und Verpackungseinrichtungen, die den Qualitätsstandards und sanitären Normen entsprechen;
    • Aushandlung gerechterer Bedingungen für den internationalen Handel mit landwirtschaftlichen Produkten


Ich habe immer die Ansicht vertreten, dass man keine GVOs braucht, um das Ziel des Welternährungsgipfels zu erreichen: verbessertes Saat- und Pflanzenmaterial, erzeugt durch die internationalen Agrarforschungszentren, vor allem im Rahmen der Grünen Revolution und durch nationale Forschungssysteme, inklusive Hybride und Pflanzensorten aus interspezifischer Züchtung werden von den Kleinbauern in der Dritten Welt kaum verwendet.
Zwischenzeitlich habe ich immer darauf aufmerksam gemacht, dass eine Weltbevölkerung ernährt werden muss, die bis zum Jahr 2050 von gegenwärtig sechs Milliarden Menschen auf neun Milliarden ansteigen wird, weshalb 60 Prozent mehr Nahrungsmittel produziert werden müssen und gleichzeitig eine Ausweitung des ackerbaren Landes immer unmöglicher wird, weil Verstädterung, industrielle Ausdehnung und Verkehrsinfrastruktureinrichtungen immer weiter in ländliche Regionen vordringen und die Waldzerstörung und die Bewirtschaftung empfindlicher Ökosysteme zu einer Verschlechterung der Böden führt. Solch eine Situation wird eine noch intensivere Bewirtschaftung, höhere Erträge und größere Produktivität erfordern.
In Anbetracht dessen werden wir die wissenschaftlichen Instrumente der Molekularbiologie nutzen müssen, vor allem die Bestimmung molekularer Marker, die Genkartierung und den Gentransfer für eine wirksamere Stärkung der Pflanzen, über Phänotyp basierte Methoden hinaus. Entscheidungen über die Regeln und den Einsatz dieser Techniken müssen jedoch durch die zuständigen Stellen auf internationaler Ebene, z.B. Codex Alimentarius, getroffen werden.
Die Entwicklungsländer sollten nicht nur an der Entscheidungsfindung beteiligt sein, sondern auch ihr wissenschaftliches Potenzial entwickeln und sich den notwendigen Sachverstand und die erfor-derlichen Techniken aneignen, um die jeweilige Tragweite erfassen und unabhängige Entscheidungen treffen zu können, damit ein internationaler Konsens in Fragen, die alle Menschen betreffen, erreicht werden kann. Die FAO unterstützt die Länder der Dritten Welt in dieser Hinsicht und wird dies auch weiterhin tun.
Und schließlich, im Gegensatz zur Grünen Revolution, die sich aus der internationalen öffentlichen Forschung heraus entwickelte und nationale Forschungssysteme kostenlos mit verbessertem genetischen Material versorgte, wird die Biotechnologie-Forschung im Wesentlichen durch die zehn größten multinationalen Unternehmen der Welt vorangetrieben, die hierfür jährlich drei Milliarden US-Dollar ausgeben.
Im Vergleich dazu verfügt das CGIAR-System, der weltgrößte öffentliche Lieferant landwirtschaftlicher Technologien für die Länder der Dritten Welt, über ein Gesamtjahresbudget von weniger als 300 Millionen US-Dollar. Der Privatsektor schützt seine Ergebnisse mit Patenten, um an seinen Investitionen zu verdienen und konzentriert sich auf Produkte, die für die Ernährung in Entwicklungsländern keinerlei Relevanz haben.
Die FAO, im Einklang mit ihrem Mandat, wird auch weiterhin einen Rahmen dafür bieten, dass ein Dialog über diese Fragen auf internationaler Ebene stattfinden kann. Ein solcher Dialog sollte auf soliden wissenschaftlichen Grundsätzen basieren, welche eine Analyse der sozioökonomischen Wirkungen und Gesundheits- und Umweltfragen erlauben.

Fußnote:

  1. Den vollständigen Bericht ”Agricultural biotechnology: meeting the needs of the poor?” im FAO-Bericht The State of Food and Agriculture 2003-04 finden Sie auf Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch und Spanisch unter http://www.fao.org/documents/index.asp.
Erschienen in
GID-Ausgabe
165
vom August 2004
Seite 52 - 54

FAO Declares War on Farmers not on Hunger - Die FAO erklärt den Bauern den Krieg, nicht dem Hunger

Über 650 Organisationen und mehr als 800 Einzelpersonen haben den offenen Brief an den Generaldirektor unterzeichnet und damit auf die Veröffentlichung des Berichtes ”Agricultural Biotechnology: meeting the needs of the poor?” reagiert. Hier die wichtigsten Punkte:
Die Unterzeichnenden geben mit diesem offenen Brief ihrer Empörung Ausdruck und erklären, dass sie nicht einverstanden sind mit dem am 17. Mai veröffentlichten Bericht der FAO.
Der Bericht ist in einer politisch motivierten Kampagne benutzt worden, um die Biotechnologie-Industrie zu fördern.
Die Art, wie der Bericht erstellt und über die Medien verbreitet wurde, lässt ernsthafte Zweifel an der Unabhängigkeit und der intellektuellen Integrität der FAO aufkommen.
Durch die fehlende Konsultation der Organisationen kleiner Farmer im Prozess der Erstellung des Berichtes, wendet die FAO denen den Rücken zu, die von den im Bericht angepriesenen Technologien am meisten betroffen sein werden.
Anstatt die Rolle der kleinen Farmer bei der Entwicklung der für sie lebenswichtigen Pflanzensorten zu stärken, empfiehlt der Bericht die Entwicklung gentechnisch veränderter Pflanzen, eine technologische Lösung, die sich bedenklich auf die Nahrungssouveranität auswirkt.
Wenn es aus der grünen Revolution etwas zu lernen gibt, dann ist dies die Erkenntnis, dass die technische Weiterentwicklung der Nutzpfanzen-Genetik bei Saatgut, in Richtung eines verstärkten Ansprechens auf externen Input, Hand in Hand geht mit einer verstärkten sozio-ökonomischen Polarisierung, ländlicher Verarmung und einer strukturellen Untermauerung des Hungers.
Die Geschichte lehrt, dass strukturelle Änderungen beim Zugang zu Land, zu Nahrung und politischer Macht in Verbindung mit robusten, ökologischen Technologien aus der Forschung der Landwirte, zur Reduzierung von Hunger und Armut führen.
Obwohl der Bericht versucht, neutral zu wirken, ist er sehr parteiisch und ignoriert verfügbare Informationen über nachteilige ökologische, ökonomische und gesundheitliche Auswirkungen gentechnisch veränderter Nutzpflanzen.
Die Unterzeichnenden sind fassungslos, dass der Bericht die Verwendung der Terminator-Technologie propagiert, um die genetische Verunreinigung zu vermeiden.
Der vollständige offene Brief findet sich auf der Internet-Seite www.grain.org. (pau)