DNA-Sammelwut stoppen!
Übergabe des Offenen Briefes und Start der Kampagne des GeN
Das Gen-ethische Netzwerk hat eine Kampagne gegen die DNA-Sammelwut deutscher Polizeibehörden und gegen die internationale Vernetzung der polizeilicher DNA-Datenbanken gestartet.
Zum Auftakt der Kampagne „DNA-Sammelwut stoppen!“ hat das Gen-ethische Netzwerk (GeN) am Montag, den 23. Mai, einen Offenen Brief gegen die Expansion polizeilicher DNA-Datenbanken und deren internationale Vernetzung an Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger übergeben. Trotz anderslautender Vereinbarungen mit MitarbeiterInnen des Bundesjustizministeriums konnten allerdings weder „Willi Watte“, der Überbringer des Briefes, noch seine Begleitung das Gebäude betreten; anwesende Polizeibeamte verwehrten ohne weitere Begründung den Zugang. Auch das Ministerial-Personal zeigte sich wenig begeistert und schlecht informiert. Trotz dieser Widrigkeiten ist der Brief nach Auskunft eines Referenten mittlerweile im Büro der Ministerin angekommen; mit einer Antwort sei in den nächsten Wochen zu rechnen. Um den Forderungen des Offenen Briefes Nachdruck zu verleihen und Willi Watte in seinem Kampf gegen die Expansion polizeilicher Datenbanken zu unterstützen, haben wir mehr als 14.000 Wattestäbchen mobilisiert. Mit unserer Hilfe formten sie vor dem Eingang des Bundesjustizministeriums den Slogan der Kampagne: „DNA-Sammelwut stoppen!“ und demonstrierten damit, dass sie zu viel mehr in der Lage sind als ihre KollegInnen, die im Dienst forensischer Labore stehen und für die Polizei den Speichel von Menschen sammeln. Am Abend fand im Haus der Demokratie und Menschenrechte unsere Informationsveranstaltung zu polizeilichen DNA-Datenbanken und ihrer internationalen Vernetzung statt. Susanne Schultz vom Gen-ethischen Netzwerk informierte detailliert über die polizeiliche DNA-Datenspeicherung in der Bundesrepublik, ihre gesetzlichen Grundlagen und die unkontrollierte Praxis. Sie verwies anhand von Beispielen auf die Willkür der Behörden, kritisierte die Behauptung der „Freiwilligkeit“ im Kontext polizeilicher Ermittlungen und stellte abschließend die Kampagne des Gen-ethischen Netzwerkes und deren einzelne Elemente vor. Eric Töpfer von Bürgerrechte & Polizei/CILIP gab einen Überblick über den Umfang von DNA-Datenbanken in verschiedenen Ländern der Welt und die Anzahl der gespeicherten DNA-Profile im Verhältnis zur Bevölkerung. Außerdem beschrieb er ausführlich die wichtigsten Vernetzungsstrukturen und das Abkommen zwischen Deutschland und den USA zum DNA-Datenaustausch. Töpfers Fazit: Die Rechte der Betroffenen gehen in den internationalen Austauschstrukturen mehr oder weniger verloren, eine unabhängige Überprüfung der Praxis des DNA-Datenabgleichs ist kaum noch möglich. Die anschließende Diskussion kreiste um einen Einwand aus dem Publikum: Nicht nur Bagatelldelikte, sondern auch schwere Verbrechen werden bisweilen durch einen Abgleich von Spuren mit gespeicherten DNA-Profilen von Personen aufgeklärt, was bei einer Auflösung von DNA-Datenbanken in Zukunft verhindert würde. Susanne Schultz betonte, dass es nicht darum gehe, die Forderung nach Auflösung mit dem Argument zu begründen, es seien ja nur wenige Fälle, in denen schwere Straftaten mit Hilfe von DNA-Dateien aufgeklärt werden konnten, denn aus der Perspektive der einzelnen Opfer ist das irrelevant. Das Hauptproblem sei die zunehmende Erfassung von immer mehr Menschen und die parallel dazu stattfindende Vernetzung von DNA-Datenbanken. Aus dem Publikum kam der Hinweis auf die Expansionslogik, die der Speicherung von DNA-Profilen innewohnt: Sollen Dateien mit DNA-Profilen die Aufklärung von schweren Verbrechen wirklich ermöglichen, so müssten darin die Profile aller Menschen gespeichert werden. Fazit: Eine begrenzte Akzeptanz der Speicherung von DNA-Profilen ist nicht möglich.
Willi Watte in Aktion
Auch Willi Watte trat noch einmal in Erscheinung. Das Wattestäbchen erzählte von seinem anstrengenden Alltag bei der Polizei und dem Druck, immer mehr Speichelproben zu beschaffen. Watte zeigte Bilder seiner Außeneinsätze wegen kleinster Delikte und wies darauf hin, dass mittlerweile auch private Labore mit der Erstellung von DNA-Profilen beauftragt werden, um die polizeilichen Einrichtungen zu entlasten. Aufgewühlt berichtete Watte dann von seiner Politisierung: Der Druck bei der Arbeit und die tägliche Anstrengung weckten in ihm das Bedürfnis, sich über den Sinn seiner Tätigkeit zu informieren. Auf einem Wochenendspaziergang durch die Stadt kam er zufällig an der Baustelle der neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes vorbei und hatte das erste Mal den Eindruck, dass hier etwas faul ist. Als Watte dann im Februar auf dem Heimweg von der Arbeit in eine Kundgebung gegen den Überwachungswahn aus Anlass des europäischen Polizeikongresses geriet, wurde ihm endgültig klar: Polizei und Geheimdienste wollen Menschen möglichst umfänglich überwachen können. An diesen Machenschaften, so Watte entrüstet, werde er sich nicht weiter beteiligen. Er sei ausgestiegen und habe gekündigt, um ab sofort gemeinsam mit dem Gen-ethischen Netzwerk gegen die DNA-Sammelwut zu kämpfen. Zitat Watte: „Macht alle mit! Unterschreibt den offenen Brief des Gen-ethischen Netzwerks und kommt zu den Aktionen im Rahmen der Kampagne! Geht auf unsere Website: www.fingerwegvonmeinerDNA.de und unterschreibt dort die Petition!“
Wattestäbchen-Tour, Kinoclip und weitere Informationen unter www.fingerwegvonmeinerdna.de.
Uta Wagenmann war Mitarbeiterin des GeN und GeN-Vorstandsmitglied.