Rezension: Besser werden ohne Pillen?

Spätestens seit Hirnforscher sich medial mit der Behauptung in Szene gesetzt haben, das, was wir unter Bewusstsein und freiem Willen verstehen, sei wie so vieles lediglich das Ergebnis biochemischer Prozesse und neuraler Verschaltungen, vorherseh- und steuerbar, mithin also eine Fiktion, ist dem Forschungszweig die Aufmerksamkeit von Ethik und Philosophie sicher. Zeitgenössische neurowissenschaftliche Thesen berühren schließlich Kernthemen dieser Disziplinen. Auch in Roland Kipkes Arbeit ist die Frage nach der Bedeutung der Biologie präsent - wenn auch eher zwischen den Zeilen. Er setzt sich mit dem oft genug durch Feuilletons und andere Foren gutbürgerlicher Debattenkultur wabernden Argument auseinander, Neuro-Enhancement - also die Einnahme von Medikamenten, die die Stimmung aufhellen oder Gedächtnis und Konzentrationsfähigkeit verbessern sollen - sei, überspitzt formuliert, Psychotherapie mit einfacheren Mitteln. Dabei geht Kipke schrittweise, und wie ich finde, auch pfiffig vor: Er stellt nicht in Frage, dass Menschen schon länger damit beschäftigt sind, sich selbst zu verändern. Für den Vergleich solcher „traditioneller Wege der Selbstverbesserung“ mit Neuro-Enhancement bedürfe es aber ihrer systematischen Untersuchung. Dafür entwickelt Kipke in fünf Kapiteln ein Konzept dessen, was die Arbeit am Selbst, die Selbstformung ausmacht, um dann zur Ausgangsfrage zurück zu kommen: Ob die medikamentöse Verbesserung mentaler Fähigkeiten der konventionellen Selbstformung überlegen ist. Und er beantwortet diese Frage eindeutig mit nein. Selbstformung führe im Gegensatz zum Neuro-Enhancement zu Reife, Authentizität, Freiheits- und Glücksfähigkeit, so seine These, weil diese Eigenschaften sich - quasi als Nebeneffekt - bei der Arbeit an der eigenen Selbstverbesserung einstellen. Was wir schon wussten… So interessant so manche Passage des Buches ist, so erfrischend verständlich die Kapitel geschrieben sind - einen so langen Weg zu gehen, um festzustellen, dass Arbeit an sich selbst eher als die Einnahme einer Pille dazu beitragen kann, individuell zu Zufriedenheit zu gelangen, oder, philosophisch gesprochen, einem „gelingenden Leben“ näher zu kommen, scheint mir unverhältnismäßig. Der lange Weg hat sicherlich nicht wenig mit dem disziplinären Zugang zum Thema zu tun; Kipkes profunde Auseinandersetzung mit Selbstformung und Neuro-Enhancement macht aber auch deutlich, von welchen Anforderungen an die eigene Argumentation philosophische Kritik an biologisierenden Diskursen heute ausgeht.
Uta Wagenmann
Roland Kipke: Besser werden. Eine ethische Untersuchung zu Selbstformung und Neuro-Enhancement. mentis Verlag GmbH (2011), 317 Seiten, 44 Euro, ISBN 978-3-89785-736-0.

Erschienen in
GID-Ausgabe
209
vom Dezember 2011
Seite 48