Rezension: Bilderschreiberin
Ich stelle mir vor, ich gehe durch einen Ausstellungsraum mit großen weißen Wänden. Ein riesiges Gemälde erregt meine Aufmerksamkeit: Ein langer Tisch, eine Tafel, „prima“, denke ich, „Menschen treffen sich zum Essen“. Doch was ich da sehe, erregt im gleichen Moment Ekel und Entsetzen. An dem einen Ende des Tisches sitzen vor allem dickleibige, fette Gestalten - zumeist mit weißer Hautfarbe und nicht nur deshalb blass. Am anderen Ende sitzen die Ausgemergelten, manche kreatürlich wirkend, sie können sich kaum auf ihren Stühlen halten. Offensichtlich steht genug „Nahrung“ auf diesem Tisch, nur hat jemand vergessen, auf die gerechte Verteilung zu achten. Das Gemälde heißt „Der globale Mittagstisch“. Kaum habe ich mich von dem Anblick des Bildes getrennt, komme ich zu einem Bildschirm mit einer Action-Szene, die in einer U-Bahn spielt. Die Rollen scheinen vertauscht: Ein gut gekleideter Mann überfällt zwei etwas schlabberig daher kommende Teenies und stiehlt ihnen ihre MP3-Player. Mit der Beute zieht der Mann, der gut der Manager eines großen Unternehmens sein könnte, des Weges und erfreut sich an dem guten Geschäft, das er gerade mit den Jungs zum Abschluss gebracht hat. Bewundernd nehme ich zur Kenntnis, dass beide Werke von der gleichen Künstlerin stammen: Tanja Busse, und die Eindrücke sind nur insofern verfälscht, als dass wir uns nicht in ihrer Ausstellung befinden, sondern in ihrem neuen Buch. Viel Spaß beim Anschauen wünscht der sehr geneigte Rezensent. Was es an dieser Stelle noch zu sagen gäbe, steht im Titel des Buches - dieser ist Programm.
Christof Potthof
Tanja Busse: Die Ernährungsdiktatur - Warum wir nicht länger essen sollten, was die Industrie uns auftischt. Blessing-Verlag 2010. Paperback, 336 Seiten, 16,95 Euro, ISBN 978-3-89667-420-3.