Rezension: Eugenische Kontinuitäten

Die Eugenik-Bewegung hat ihre Hochzeit hinter sich. Doch der Gedanke, dass Menschen aufgrund von biologischen Eigenschaften unterscheidbar sind und einige weniger Anspruch auf Grundrechte haben als andere, ist noch lange nicht tot (vgl. auch den Schwerpunkt zu Eugenik – Beständigkeit und Bruch im letzten GID 246). Im Gegenteil – der Glauben an einen genetischen Determinismus ist sowohl in der Wissenschaft als auch der Gesellschaft immer noch populär, wie neuste populationsgenetische Studien und deren unkritische mediale Rezeption zeigen. In den letzten Monaten häuften sich die Meldungen, dass Bildungserfolg auf genetische Unterschiede zurückführbar sei – „Wenn der Schulabschluss vom Erbgut abhängt“ betitelte die Süddeutsche Zeitung beispielsweise einen Artikel über eine solche Studie. Der Dokumentarfilm „A Dangerous Idea“ beschäftigt sich also mit einem hochaktuellen Thema. Er verfolgt die Geschichte von eugenischen Sterilisationsprogrammen, pseudowissenschaftlichen „Rasse“theorien und dem Wettlauf um die Entschlüsselung der genetischen Sequenz. Dabei kommen nicht nur Expert*innen aus den Naturwissenschaften, der Soziologie und Politik zu Wort, sondern auch direkt Betroffene von Zwangssterilisationen. Auch Zuschauer*innen, die sich schon länger mit den Themen Genetik und Eugenik beschäftigt haben, können dazulernen: Zum Beispiel, wie sehr die Konzentration der Forschung auf das Molekül DNA den Einfluss von Umwelt und komplexen sozialen Interaktionen auf die Entwicklung von Menschen und Gesellschaften unsichtbar macht. Auch die sozialdarwinistischen Ideen, also die Annahme einer „natürlichen“ Selektion auch in Gesellschaften, die hinter dem massiven aktuellen Abbau von Sozialprogrammen in den USA und anderswo stecken, werden aufgedeckt. Der Film plädiert dafür, Chancengleichheit für alle Menschen zu ermöglichen und beschwört dafür das Ideal des amerikanischen Traums vom Recht auf Glück für alle. Sehr US-amerikanisch beruft er sich damit allerdings auf ein zweifelhaftes Leistungsideal. Dennoch ist der Film gerade als Lehrfilm äußerst empfehlenswert!

➤ A Dangerous Idea: Eugenics, Genetics and the American Dream. Stephanie Welch, Bullfrog Films, 106 Minuten, Englisch (OmU), DVD, 350 US-Dollar (Kauf), 95 US-Dollar (Verleih), reduzierter Preis für Aktivist*innen, kleine NGOs etc.

Isabelle Bartram ist Molekularbiologin und Mitarbeiterin des GeN. Außerdem ist sie Teil der Forschungsgruppe “Human Diversity in the New Life Sciences: Social and Scientific Effects of Biological Differentiations” (SoSciBio) an der Universität Freiburg.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
247
vom November 2018
Seite 37

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