Rezension: Gärten und Politik

Ja, gentechnisch veränderte Pflanzen (gvP) kommen in diesem Buch auch vor: Der Gärtner, Züchter und Wissenschaftler Bernd Horneburg erzählt in seinem schönen Beitrag „Tomaten in menschlicher Gesellschaft“ über die Entstehung und Vielfalt der Tomaten sowie den Hintergründen einer gentechnischen Kontamination in einer Tomaten-Saatgutbank in den USA. Abgesehen davon spielen die gvP aber keine Rolle. Das ist erstens angemessen - weil sie auch in den Gärten dieser Welt praktisch keine Rolle spielen - und zweitens sinnvoll, weil es so viele tausend Dinge über Gärten zu lesen gibt, dass sich der geneigte Leser, die geneigte Leserin nur wundern kann. Zum Beispiel über die Familie de l‘Aigle, besonders deren Tochter Alma, die einen Garten in Hamburg besaß, für dessen Unter-Denkmalschutz-Stellung in den 1990er Jahren zunächst Name und Statuten der Stiftung Denkmalpflege Hamburg geändert werden mussten - Gärten waren nicht vorgesehen. Der Garten der Familie war immer auch Anlass für allgemeine Erkenntnisse, zum Beispiel, wenn Tochter Alma über das Erbrecht sinniert und an Grund und Boden erkennt, dass Eigentum hier nicht angebracht zu sein scheint. Konsequenterweise endet der Garten der Familie letztendlich und nach einigen Irrungen und Wirrungen in öffentlicher Trägerschaft. Die Themen des liebevoll und klug zusammengestellten Buches sind - wie man sich schon anhand des Titels zu Recht denken kann - nicht eng an das Bild des Kleingartens gebunden, wenn auch dessen Dasein in verschiedenen Beiträgen zum Thema gemacht wird. Einen großen Schritt weg von der Scholle des Kleinen Mannes geht der Architekt, Stadttheoretiker und Autor Wolfgang Kill („Stadtpark - Brache - Neue Wildnis?“): In schrumpfenden Städten dürfe man sich das Verwildern der entstehenden Brachen nicht romantisch vorstellen, da nach wenigen Jahren mit Blütenpracht und der zunehmenden Verbuschung auch „Struktur und Übersichtlichkeit“ verloren gehe, was „viele Menschen heutzutage weniger mit Abenteuer assozieren als mit Gefahr“ - „Wildnis muss also eingeübt werden“. Gärten und Politik ist ein Buch voller spezieller und wundersamer Perspektiven auf die Gärten und das Leben darin. Gärten, die so unterschiedlich sein können, dass sich der Rezensent über den Mangel an anderen Begriffen für diese Orte wundert.
Christof Potthof
Brita Reimers (Hg.): Gärten und Politik. Vom Kultivieren der Erde. Oekom-Verlag, München (2010), 320 Seiten, 29,90 Euro, ISBN 978-3-86581-158-5.

Erschienen in
GID-Ausgabe
206
vom Juli 2011
Seite 46