Rezension: Gewimmel im Genom

Christoph Then hat in der Gentechnik-Kritik lange Zeit in der ersten Reihe gestanden. Als „Gentechnik-Experte von Greenpeace”. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, das den vielandeutenden Namen „Dolly ist tot” trägt. Der Autor sieht die „Biotechnologie am Wendepunkt”, so der Untertitel. Biotechnologie fasziniert ihn, soviel darf man annehmen, aber es tut ihm weh, wenn er feststellen muss, dass „die Herangehensweise, die Wissenschaft vom Leben eher als eine produktorientierte Handlung als einen Erkenntnisprozess zu organisieren” das gesamte Gebäude der Biologie durchdrungen hat. Natürlich, es geht auch um Patente, gentechnisch veränderte Pflanzen und die mit der Gentechnik in Verbindung stehende Risikoabschätzung - die Themen, die Christoph Then seit jeher beschäftigen. Es geht auch um das Für und Wider von Stammzellforschung und die ethischen Aspekte in der Biotechnologie. Es geht aber eben auch um den Wendepunkt, der für Thens Buch ein Ausgangspunkt ist, der aber keinen genauen Ort hat. Einen Ort hat dagegen der Anfang der vormals modernen Sicht der Biologen (und Biotechnologen) auf Menschen und Tiere und Pflanzen ... und ihre Gene. Den findet der Autor immer wieder in den Theorien von Jacque Loeb, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts sein mechanistisches Konzept vom Leben („The Mechanistic Concept of Life” - so ein Buchttitel Loebs von 1912) verbreitete. Auf Loeb kommt Christoph Then immer wieder zurück, nicht um sich an ihm abzuarbeiten, sondern vielmehr, um ihn als Vorbild einer Idee einzuführen, die zum Beispiel die Basis für das Denken hinter dem jahrzehntelang bewährten - mittlerweile aber überholten - Dogma der Molekularbiologie „ein Gen ist verantwortlich für ein Enzym, ist verantwortlich für eine Eigenschaft” gelegt hat. Then hat eher Freude an den Ergebnissen von Forschungen nach dem Vorbild des ENCODE-Projektes, dessen Ergebnisse - wie er offensichtlich gerne den Economist zitierend schreibt - den BIG BANG der Biologie darstellten. Eine der Schlussfolgerungen des ENCODE-Projektes war, dass die DNA regelmäßig mit unterschiedlichen Leserastern abgelesen wird, was - auf ein Buch übertragen - bedeutet, „dass esjedemleserjeweilsüberlassenistwoindembuchstabengewimmel Anfang und Ende der verschiedenen Worte gesetzt werden.” Dabei ist das ENCODE-Projekt nur eines unter vielen anderen Forschungsprojekten, die nur gemeinsam den von Then ausgemachten „Wendepunkt” der Biotechnologie markieren, weshalb es so schwer ist - aber vielleicht auch gar nicht unbedingt notwendig -, den festen Ort dafür zu finden.
Christof Potthof

Erschienen in
GID-Ausgabe
189
vom September 2008
Seite 61