Rezension: Die Entscheidungsfalle

Silja Samerski, Biologin und Sozialwissenschaftlerin, hat bei drei genetischen Beratungsstellen über 30 Gespräche - so genannte genetische Beratungen - beobachtet und analysiert. In ihrem Buch liefert sie nun ein detailliertes Bild davon, was es heißt, als Laie mit der Situation einer genetischen Beratung konfrontiert zu sein. Samerski will in diesem engagiertem Buch die genetische Beratung als Institution verstanden wissen, die ein Weltbild transportiert: das der GenetikerInnen. Die BeraterInnen sieht sie als Dienstleister, die den KlientInnen eine Einführung geben im „managerial decision-making”. Gemanagt wird ein Risikoprofil - in Eigenverantwortung. Samerski kommt zu dem provokanten Schluss, dass der Versuch, den Klienten und Klientinnen zu einer informierten und somit selbstbestimmten Entscheidung zu verhelfen, nicht funktioniert, sondern im Gegenteil eine Entmündigung darstellt. Sicher kann man auch ein wenig skeptisch fragen, ob eine mündige Bürgerin, ein mündiger Bürger überhaupt in einem anderthalbstündigen Gespräch derartig entmündigt werden kann. Hier sollte man sich jedoch in Erinnerung rufen, dass Samerski mit der genetischen Beratung nur einen in ihren Augen besonders krassen Fall einer Entmündigung durch die genetische Aufklärung analysiert. Die genetische Aufklärung ist allgegenwärtig: Sie findet im Fernsehen, in der Zeitung, in der Schule statt. Hier wie da sollen wir uns als Genträger begreifen und die Gene als uns determinierend auffassen. Samerski entlarvt in einer äußerst prägnanten und pointierten Sprache die Ideen, die im Zentrum der Präventiv- und letztlich auch der „personalisierten“ Medizin stehen: Eigenverantwortung, die „informierte“ Entscheidung und die Selbstbestimmung. Dazu führt sie uns vor Augen, was „Risiko“, „Wahrscheinlichkeit“ und „Information“ in diesem Zusammenhang heißen können. Scharf ist Samerskis Kritik an der für Laien unverständlichen Darstellung von Expertenwissen durch ExpertInnen. Ihr eigenes Buch ist geprägt von einem sehr gut verständlichen Stil. Es ist somit sicher nicht nur als Beitrag für die wissenschaftliche Diskussion gedacht. Jeder Leserin, jedem Leser soll es leicht gemacht werden zu folgen. So werden die Fachbegriffe der Genetik, speziell der Humangenetik, gut erklärt. Das Glossar am Ende des Buches fördert die Verständlichkeit sowohl der Argumentation Samerskis als auch des Expertenwissens der GenetikerInnen. Der inhaltlich reichhaltige Anmerkungsteil lädt dazu ein, sich eingehender mit dem Themenkomplex zu beschäftigen.
Claudia Stepaniuk
Samerski, Silja: Die Entscheidungsfalle - Wie die genetische Aufklärung die Gesellschaft entmündigt. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (2010), 192 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 978-3-534-23687-9.

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
207
vom August 2011
Seite 45

Nur durch Spenden ermöglicht!

Einige Artikel unserer Zeitschrift sowie unsere Online-Artikel sind sofort für alle kostenlos lesbar. Die intensive Recherche, das Schreiben eigener Artikel und das Redigieren der Artikel externer Autor*innen nehmen viel Zeit in Anspruch. Bitte tragen Sie durch Ihre Spende dazu bei, dass wir unsere vielen digitalen Leser*innen auch in Zukunft aktuell und kritisch über wichtige Entwicklungen im Bereich Biotechnologie informieren können.

Ja, ich spende!  Nein, diesmal nicht