Wege des Widerstands
Einführung
Im dritten Jahr mit kommerziellem Anbau von gentechnisch verändertem Mais in Deutschland brodelt es in allen Ecken. Das frisch verabschiedete Gentechnikgesetz tut sein Übriges. Die Stimmung ist gereizt, doch die KritikerInnen können selbstbewusst in die Auseinandersetzungen gehen.
Gentechnologie ist im Moment ein Thema, das Menschen in größeren Gruppen auf die Straße bringt und sie dazu motiviert, sich politisch zu engagieren - in Deutschland nicht nur in den mittlerweile mehr als 170 Gentechnikfreien Regionen, sondern auch in unzähligen regionalen Initiativen. Veranstaltungen werden organisiert, seien es nun Film- und Diskussionsabende oder Demonstrationen, Feldbegehungen und -besetzungen machen auf Felder vor Ort aufmerksam und wecken - mindestens zum Teil - das Interesse der Bevölkerung. Nicht zuletzt wird damit auch das Interesse einer Öffentlichkeit an der Landwirtschaft neu geweckt.
Gentechnik-Kritik in Deutschland
Speziell an den Gentechnikfreien Regionen (GfR) in Deutschland ist, dass Bauern mit Bauern am Tisch sitzen und Erklärungen unterzeichnen, dass sie kein gentechnisches Saatgut einsetzen oder auf gentechnisches Futtermittel verzichten. Georg Janssen ist als Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft oft mit dabei gewesen, wenn die Diskussionen zur Gründung einer GfR die Gemüter erhitzten. Wo es hakt, was noch fehlt und was gut läuft, kann in dem Interview gelesen werden. Wenn er in dem Interview sagt, dass er die Bewegung gegen den Einsatz der Gentechnologie in der Land- und Lebensmittelwirtschaft für so stark hält, weil sie so vielfältig ist, dann gibt er damit auch ein Signal für die Zukunft: Die Bewegung hat gerade allen Grund, motiviert und selbstbewusst in die Zukunft zu schauen. Niedermöllrich zum Beispiel - von der lokalen Presse mit dem bekannten kleinen gallischen Dorf verglichen - hat es Monsanto gezeigt. Wenn lokal Einigkeit herrscht, dann haben auch Weltkonzerne keine Möglichkeit, ihren Willen durchzusetzen. Pünktlich zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe gab Monsanto bekannt, in diesem Jahr, wie schon 2007, in der nordhessischen Provinz, keinen gv-Mais testen zu wollen. Auch in anderen Ländern wird bekanntermaßen nach Wegen für den Widerstand gegen die Agro-Gentechnik gesucht. Blicke nach Süden, nach Österreich und Italien zeigen beispielhaft, was in anderen europäischen Ländern gelaufen ist und wie die Entwicklung vonstatten ging. Natürlich wären auch andere Beispiele möglich gewesen; daran ist gerade kein Mangel. Doch die Beiträge von Luca Colombo und Markus Schörpf sind insofern besonders, als sie gerade für bestimmte Linien der Bewegung sehr prägend waren. Österreich zum Beispiel hat in den letzten Jahren eine entscheidende Rolle in der Auseinandersetzung der Europäischen Union (EU) mit den USA, Argentinien und Kanada vor der Welthandelsorganisation gespielt und die Fahne der Vorsorge, die Anwendung des Vorsorgeprinzips, hochgehalten. Dieses Prinzip wurde auch innerhalb der EU eingefordert und verteidigt, wenn die EU-Kommission - mal wieder - nationale Verbote bestimmter GVO beenden wollte.
Diesseits und jenseits der Alpen
Demgegenüber waren italienische Vertreter von Gemeinden, Provinzen und Regionen bei der Bildung des Netzwerkes der gentechnikfreien EU-Regionen eine der zentralen Kräfte. Dass sich das gentechnik-kritische Engagement jenseits der Alpen aber nicht auf Amtsstuben beschränkt, hat eine Befragung von mehr als drei Millionen Italienerinnen und Italienern deutlich unter Beweis gestellt. Damit aber auch deutlich wird, warum Horst Seehofer nicht zu diesen Kritikern, nicht zu diesem Widerstand zählt, findet sich am Ende dieses Schwerpunkts auch ein Artikel zu den Ambitionen des Bundeslandwirtschaftsministers, das Zulassungsverfahren für GVO der Europäischen Union zu reformieren. Der Minister setzt auf die reine Wissenschaft und damit auf das falsche Pferd. Wie sagt doch ein Sprichwort, das dem britischen Volksmund zugeschrieben wird: Für einen Hammer sieht die ganze Welt wie ein Nagel aus. Teil der Kritik an den Vorschlägen des Ministers ist die Forderung einer Wissenschaftlerin, weniger „embedded scientists” mit der Sicherheitsforschung zu transgenen Organismen zu betrauen. Die Aktivitäten der FeldbesetzerInnen (Gießen, Oberboihingen und Northeim) können leider nicht mehr in diesen Schwerpunkt einfließen. Sie erreichten uns zu kurzfristig vor dem Redaktionsschluss. Wir berichten darüber in dieser Ausgabe in der Rubrik „Landwirtschaft und Lebensmittel - kurz notiert”.
GID-Redaktion