Filmrezension

Empathie ist kein Argument

Liebe ist stärker als der Tod. Drei Paare erzählen über ihre Entscheidung zum Spätabbruch. Dokumentation, Österreich 2019, Regie: Patricia Josefine Marchart, www.liebe.film.

Dieser Film hat eine Botschaft, die den Zuschauer* innen unter Schluchzen, Klaviergeklimper und ab dem ersten Satz energisch nahegebracht wird: „Wir wollten ihm die Schmerzen ersparen“. Dem eigentlich gewollten, zukünftigen Kind Leiden zu ersparen – dieses Argument für einen Spätabbruch nach pränataler Diagnostik wird von den drei interviewten Paaren, den Ärzt*innen und Psycholog*innen in unzähligen Varianten wiederholt. Aus der Perspektive der Paare ist das verständlich, als Hauptaussage einer feministischen, emanzipatorischen Doku ist es ein Problem.

In Österreich war die Debatte um Spätabtreibungen nach pränatalen Behinderungsdiagnosen im vorvergangenen Jahr mit der Kampagne der christlich-„lebensschützlerischen“ Plattform „#fairändern“ aufgeflammt. Diese sammelte Unterschriften zur Streichung der embryopathischen Indikation, für eine offizielle Statistik und mehr Beratung zu pränataler Diagnostik. Die Filmdoku ist in Kooperation mit der feministischen Initiative #keinenMillimeter entstanden, die sich gegen #fairändern gegründet hatte. Der bekannte Gynäkologe Christian Fiala, der in Wien ein Abtreibungsmuseum betreibt, fungierte als Produktionsleiter.

So wichtig es ist, fundamentalistischen Abtreibungsgegner* innen entgegenzutreten und die Möglichkeiten zu Schwangerschaftsabbrüchen zu verteidigen, so wesentlich ist es auch, dabei nicht in die Fallen der „Lebensschützer“ hineinzutapsen. Es ist fahrlässig, die Probleme von Behindertenfeindlichkeit zu ignorieren, die mit pränataler Diagnostik und selektiven Schwangerschaftsabbrüchen verknüpft sind. So gewinnen Feminist*innen keine Verbündeten in der Behindertenbewegung, sondern überlassen diese der reaktionären „Lebensschutz“-Bewegung. In Österreich sind die frauenpolitischen und die behindertenpolitischen Initiativen in dieser Frage deutlich weiter auseinander als in Deutschland.

Die gesellschaftlich als normal geltende, beinah automatische Verknüpfung von Behinderung mit Leiden ist behindertenfeindlich und ableistisch. Niemand kann im Vorhinein wissen, wie es Menschen mit Behinderung in ihrem Leben gehen wird. Wie der medizinische Blick auf Beeinträchtigungen durch die Diagnosen und Prognosen der pränatalen Diagnostik eingeübt und verstärkt wird, lässt sich gut an dem Zitat eines Nicht-Vater-Gewordenen zeigen. Michael sagt in der Doku, sie hätten ihrem Kind ersparen wollen, „dass er ständig auf dem OP-Tisch gelegen hätte, ständig unter dem Skalpell und Chemotherapie und Physiotherapie und 24-Stunden-Betreuung, Schmerzen und du weißt nicht was er am nächsten Tag ertragen muss“. Ok, Chemotherapie ist wirklich nicht schön und wer will sowas schon für sein Kind. Wenn das eigene Kind aber Krebs hat, dann ist Chemotherapie ja eher eine Hilfe. Auch Operationen sind oft anstrengend und belastend, aber letzten Endes oft hilfreich und „ständig“ liegt niemand auf dem Operationstisch „unter dem Skalpell“. Physiotherapie und eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung müssen dagegen für das Kind an sich überhaupt nicht belastend sein. Für Eltern bedeuten sie allerdings in den meisten Fällen einen größeren Betreuungsaufwand. Und schließlich Schmerzen – wer will seinem Kind keine Schmerzen ersparen? Es ist sozusagen das Todschlagargument in der Debatte: Eltern, die wissentlich in Kauf nehmen, dass ihr Kind Schmerzen haben und leiden wird, können keine guten Eltern sein. Aber langsam: hier geht es ja nicht um ein geborenes Kind, dem etwas erspart werden soll, was verhinderbar ist. Dem Kind soll vielmehr dadurch Leiden erspart werden, dass es gar nicht erst zur Welt kommt. Und Leiden, das ist für Menschen, die sich noch nie mit Behinderung auseinandergesetzt haben, geradezu ein Synonym für Behinderung.

Es geht nicht um die tatsächliche Schwere der Beeinträchtigung, diese ist objektiv nicht festzustellen. Es geht vielmehr darum, was von den Paaren als belastend wahrgenommen und wie es dargestellt wird. Es geht darum, welche Erzählungen über Behinderung und Unzumutbarkeit, über schwere aber richtige Entscheidungen verbreitet werden. Die Argumente, worunter das Kind gelitten hätte und worunter die Eltern gelitten hätten, gehen ganz durcheinander. So wie Michael diese aufzählt merkt er offensichtlich nicht einmal, dass er auch über seine eigene erwartete Belastung spricht, die er sich selbst und seiner Partnerin ersparen will.

Wenn man den ehemals werdenden Eltern zuhört, hat man den Verdacht, dass eine bessere Beratung vor und nach der pränatalen Diagnose zumindest nicht geschadet hätte und vielleicht hätte helfen können, sich mit dem eigenen Bild des Wunschkindes und von Behinderung auseinanderzusetzen. Menschen aus der Behindertenbewegung kommen in der Doku nicht zu Wort. Dabei gibt es genug behinderte Menschen, die für ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch eintreten. Allerdings hätten sie wohl das Narrativ des schweren Leidens gestört.

Kirsten Achtelik arbeitet als freie Autorin und Journalistin zu behinderten- und geschlechterpolitischen Themen.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
253
vom Mai 2020
Seite 36

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