Gv-Weizen in der Kritik

Das Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung will in einem Versuchsanbau gentechnisch veränderten Weizen freisetzen. Das hat etwa 30.000 Menschen dazu gebracht, eine Einwendung gegen den Antrag zu unterstützen.

Worum geht es in dem Versuch?

Bei dem Versuch sollen Winterweizen-Pflanzen mit erhöhtem Proteingehalt freigesetzt werden. Das Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben will dabei drei verschiedene transgene Linien ausbringen. In zwei der Linien wurde ein Gen aus der Ackerbohne eingebaut, in die dritte Linie ein Gen aus der Gerste. Es soll erreicht werden, dass mehr Protein im Samenkorn eingelagert wird. Im Labor ist dies laut IPK gelungen, jedoch lediglich bei einer Art von Proteinen, beim Glutenin. Die Anteile anderer Protein-Fraktionen, Gliadine und Albumine, sanken dagegen zum Teil sogar ab. Die drei transgenen Weizen-Linien sollen nun mit sieben verschiedenen Zuchtstämmen der Sorte "Certo" der Firma Nordsaat gekreuzt und von 2006 bis 2008 in einer Art transgenem Zuchtgarten auf 150 Quadratmetern in Gatersleben, in Sachsen-Anhalt, angebaut werden. Hier soll also richtiggehende Zuchtarbeit mit GVO (Gentechnisch veränderten Organismen) durchgeführt werden, das ist ein absolutes Novum bei dem Versuch. Das IPK arbeitet dabei mit einer Futterweizensorte. Es wird ganz offensichtlich versucht, den Gegenwind, den das IPK sicherlich einberechnet hat, zu entkräften. Denn es soll ja angeblich wieder "nur" um ein Futtermittel gehen. Sogar in Nordamerika gibt es einen sehr starken Widerstand gegen die Kommerzialisierung von transgenem Weizen. So wird klar, warum im Antrag sehr starker Wert darauf gelegt wird, den Lebensmittelbereich möglichst nicht zu erwähnen und den Fokus auf die intendierte Nutzung als Futter-Weizen zu legen. Obwohl das IPK angibt, lediglich Grundlagenforschung zu betreiben, scheint es in Wirklichkeit durchaus Kommerzialisierungsabsichten durch die NORDSAAT zu geben, wie eine Veröffentlichung aus dem Jahr 2005 nahelegt. Dort heißt es: "Der Projektpartner NORDSAAT wartet bereits ungeduldig auf Ergebnisse, um Erfolg versprechende Kreuzungen möglichst bald in die Sortenzulassung und dann auf den Markt bringen zu können." Außerdem: Das IPK will den Versuch auf seinem Institutsgelände durchführen, das auch die Anbauflächen der Genbank beherbergt. Das ist ein wesentlicher Kritikpunkt unserer Einwendung. Diese sind nur etwa 400 bis 500 Meter von der vorgesehenen Versuchsfläche entfernt. Bis zum nächsten konventionellen Winterweizenfeld sind es sogar nur 120 Meter.

Hast du auch direkten Kontakt mit den WissenschaftlerInnen in Gatersleben gehabt? Was sagen sie?

Ich habe mit Mitarbeitern der Genbank und der Pressesprecherin des Instituts gesprochen. Nachdem das IPK ja immer betont, dass es bei der Erhaltungsarbeit im Freiland noch nie zu Auskreuzungen zwischen den einzelnen Herkünften von Getreide gekommen ist, fand ich es dann doch interessant, dass mir die Pressesprecherin des IPK gesagt hat, dass es durchaus in einigen Fällen zu genetischen Veränderungen bei den Getreideherkünften gekommen ist.

30.000 EinwenderInnen... Wie bekommt man überhaupt so viele UnterstützerInnen zusammen?

Das Umweltinstitut macht ja seit Anfang der 1990er Jahre mobil gegen Freisetzungsversuche. Bei den ersten Freisetzungsversuchen mit gv-Pflanzen hatten wir auch bis zu 15.000 Miteinwender. In den letzten Jahren waren es dann meist 2.000 bis 5.000, die mit uns eingewendet haben. Insofern hat uns die jetzige Zahl von mehr als 30.000 Einwendungen schon überwältigt. Denn mehr Öffentlichkeitsarbeit als bei vergangenen Freisetzungen haben wir gar nicht gemacht. Ich denke aber, vielen ist klar geworden, dass sie von einer möglichen Kommerzialisierung von genmanipuliertem Weizen in einer ganz anderen Weise berührt würden als derzeit durch Bt-Mais. Viele Großhändler, Bioläden und Bäckereien haben sich diesmal aus eigenem Antrieb stark engagiert. Weizen ist nun einmal das Grundnahrungsmittel schlechthin. Dazu kommt, dass viele Menschen zurecht das Gefühl haben, dass hier erneut mit Steuermitteln eine Technologie gepusht wird, die sie nicht wollen. Da fühlen sich viele zurecht überhaupt nicht ernst genommen. Zur Erinnerung: das IPK wird jährlich mit zirka 25 Millionen Euro aus der Staatskasse alimentiert.

Was macht den Fall "Genweizen in Gatersleben" so besonders?

Darauf gibt es meiner Ansicht nach mehrere Antworten: Ein wichtiger Punkt ist auf jeden Fall, dass ausgerechnet am Weizen herummanipuliert wird. Weizen ist eine kulturell stark aufgeladene Pflanze in Europa, aber auch weltweit. Zudem gelangt Weizen, im Gegensatz zu Mais und Soja, zu einem viel höheren Prozentsatz direkt in Lebensmittel. Die gesundheitlichen Risiken sind hier einfach vielen Menschen klarer vor Augen als bei einem Schnitzel, bei dem das Schwein transgene Soja im Futtertrog hatte. Auch für Landwirte würde es kritisch. Im Fall einer Auskreuzung in kommerzielle Weizenbestände steigt die Gefahr einer unkontrollierten Weiterverbreitung der verwendeten Fremdgene, da Weizen von vielen Landwirten nachgebaut oder mit Nachbarn getauscht wird. Das ist eine ganz andere Situation als bei Hybridmais, bei dem die Kontaminationskette nach jedem Anbau erst mal endet, weil Saatgut sowieso jährlich neu gekauft wird. Durch den Anbau von Bt-Mais sind bislang auch nicht direkt Exportmärkte bedroht. Im Fall einer Kommerzialisierung von Gen-Weizen könnte das dagegen sehr spürbar werden, da Weizen auch ein Exportprodukt ist und viele Länder dann einfach woanders einkaufen würden. Studien der US-Regierung hatten für den Fall einer Kommerzialisierung von gv-Weizen Exporteinbußen von 30 – 50 Prozent prognostiziert. Interessant finde ich auch, dass sich der geplante Versuch in einen neuen Trend einfügt, dass Freisetzungen und die Entwicklung von gv-Pflanzen nicht mehr direkt von Firmen durchgeführt werden, sondern unter dem Deckmäntelchen der Forschung durch öffentliche Institutionen. Die Industrie, zum Beispiel in diesem Fall die Nordsaat, sitzt im Hintergrund mit an Bord, ist aber erst einmal aus der Schusslinie der Kritik und kann finanzielle Risiken vermeiden. Der vielleicht wesentlichste Punkt ist für mich persönlich jedoch die Nähe zur Genbank in Gatersleben. Dort lagert eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen verschiedenster Kulturpflanzenherkünfte und genetischer Ressourcen. Dort werden fast 150.000 Herkünfte aufbewahrt, davon 64.000 von verschiedenem Getreide. Viele davon sind mit Weizen kreuzbar. Jährlich werden etwa 3.000 davon im Freiland angebaut. Von diesen genetischen Ressourcen mit ihren mannigfaltigen Eigenschaften könnte die Ernährungssicherheit zukünftiger Generationen wesentlich abhängen. GVO-Anbau in unmittelbarer Nachbarschaft dieser wertvollen Bestände ist da absolut verantwortungslos. Neben der möglichen Schädigung zukünftiger Züchtungsarbeit hat das auch ganz unmittelbare Aspekte. Viele Züchter nutzen die genetischen Ressourcen der Genbank. Wenn durch eine Kontamination der Genbank-Bestände die transgenen Konstrukte an nichts ahnende Züchter weitergegeben werden, kann ganz schnell eine Situation eintreten wie aktuell bei der Verunreinigung von US-Reis mit dem transgenen LL601. Die Kontamination kann über Nacht den ganzen Globus betreffen. Auch hier lag die Quelle in einem Forschungszentrum.

Danke für das Gespräch!

Andreas Bauer Mitarbeiter der Nichtregierungsorganisation Testbiotech.

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GID Meta
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Unterstützung von MühlenbetreiberInnen und BäckerInnen

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und das Netzwerk gentechnikfreier Regionen in Deutschland haben anlässlich des Antrages zur Freisetzung von gentechnisch verändertem Weizen in Gatersleben besonders auch BetreiberInnen von Mühlen, Bäckerinnen und Bäcker und andere Weizen-Verarbeiter ermuntert, sich an dem Protest zu beteiligen. Etwa hundert Betriebe aus der Wirtschaft sind dieser Aufforderung gefolgt. Annemarie Volling, AbL-Koordinatorin der Gentechnikfreien Regionen in Deutschland: "Gestern GV-Mais, heute GV-Reis und morgen GV-Weizen. Die Bundesregierung muss dem unverantwortlichen Anbau und Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen endlich einen Riegel vorsetzen. Wir pochen auf unser Recht, gentechnikfrei zu erzeugen und zu verarbeiten". (pau)