Den CRISPR-Wettlauf bremsen

Führende Wissenschaftler*innen befürworten einen vorrübergehenden globalen Verzicht auf vererbbares Genome Editing beim Menschen. Eine solche Pause könnte den Raum für eine grundlegegende Debatte über die Risiken der Technologie bieten.

Emmanuelle Charpentier mit erhobenen Händen

Emmanuelle Charpentier ist CRISPR-Entwicklerin und Ko-Autorin der Forderung nach einem Moratorium. Foto: Thor Nielsen / NTNU

Vor knapp vier Monate konfrontierte ein chinesischer Forscher die Welt mit der Nachricht, er habe mittels Genome Editing veränderte Kinder „hergestellt“. Nun reagierten prominente Wissenschaftler*innen auf diesen Vorstoß. CRISPR-Cas9-Entwickler*innen Emmanuelle Charpentier und Feng Zhang forderten in der Fachzeitschrift Nature zusammen mit 16 anderen Wissenschaftler*innen den Verzicht der Wissenschaftsgemeinschaft auf weitere Menschenexperimente dieser Art. Klinische Versuche mit Keimzellen (Spermien, Eizellen oder Embryonen) bei denen durch vererbbare Veränderungen genetisch modifizierte Kinder entstehen, sollen nach Wunsch der Autor*innen einem weltweiten Moratorium unterliegen.

Das Ziel sollen internationale Rahmenvereinbarungen sein, in denen Länder sich auf freiwilliger Basis dazu verpflichten, kein vererbbares Genome Editing bei Menschen durchzuführen. Doch damit meinen sie weder ein Verbot, noch soll es dauerhaft sein. Die beteiligten Länder sollen jederzeit Entscheidungshoheit behalten und der freiwillige Verzicht soll nur so lange bestehen, bis „technische, wissenschaftliche, medizinische, soziale, ethische und moralische Fragen“ geklärt sind. Ziel solle es sein, sich während des Moratoriums gemeinsam auf Bedingungen zu einigen, unter denen klinische Anwendungen vertretbar seien. Danach stände es den beteiligten Ländern frei sich individuell für oder gegen nationale Erlaubnis für weitere Genome Editing-Versuche zu entscheiden. Grundlagenforschung an Embryonen ist von diesem Vorschlag ausgenommen.

Doch noch nicht präzise

Hatte bis Ende November 2018 das schier unbegrenzte Potenzial von CRISPR-Cas9 die Debatte dominiert, betonten die Wissenschaftler*innen aus sieben Ländern nun in ihrer Stellungnahme die technische Unsicherheit der Methode. Sie wiesen dabei nicht nur auf ungewollte genetische Veränderungen durch sogenannte Off-Target-Effekte hin, sondern auch auf die Gefahr möglicher ungewollter Auswirkungen von gezielt durchgeführten Veränderungen (On-Target-Effekte). Einzelne Genvarianten zu verändern, um das Risiko von bestimmten Erkrankungen zu verringern, könne gleichzeitig den Effekt haben, das Risiko von anderen Erkrankungen zu erhöhen, so die Autor*innen. Dieser Aspekt hatte in der bisherigen Debatte über medizinische Anwendungen von CRISPR-Cas9 wenig Beachtung gefunden. Doch der Fall der chinesischen „CRISPR-Babys“ rückte ihn offensichtlich in das Bewusstsein der Wissenschaftsgemeinschaft: Ziel der Versuche war eine Resistenz der zukünftigen Kinder gegen das HI-Virus gewesen. Doch die gewünschte Variante im Gen CCR5 macht Menschen gleichzeitig anfälliger für Infektionen mit dem West-Nil-Fieber und Grippe. Eine kürzlich veröffentlichte Studie hatte auch darauf hingewiesen, dass CCR5 möglicherweise eine Rolle in der Funktion von Gehirnzellen spielt.

Wie bereits in vorherigen Publikationen zum Thema angemerkt, zeigt sich der offensichtliche Mangel an Fällen, in denen Genome Editing an Embryonen überhaupt klinisch sinnvoll wäre. Laut der Autor*innen ständen Paaren mit Veranlagungen für bekannte genetische Erkrankungen schon jetzt – die ebenfalls umstrittene – Präimplantationsdiagnostik zur Verfügung. Zudem sei künstliche Befruchtung (IVF) an sich oft nicht erfolgreich, aber eine Vorraussetzung für Genome Editing an Embryonen. Befürworter*innen hatten argumentiert, Genome Editing könnte die Anzahl an verwendbaren Embryonen durch deren „Therapierung“ vergrößern. Doch laut der Autor*innen würde durch weitere Manipulationsschritte die IVF-Erfolgsrate nur noch weiter sinken.

Bioethiker pro Genome Editing

Nicht alle Akteur*innen in der Debatte haben aus dem Fall der „CRISPR-Babys“ den Schluss gezogen, dass ein unkritischer Hype um CRISPR-Cas9 und das Kleinreden der vielen technischen Problemstellen der falsche Weg ist. Während die Wissenschaftler*innen in ihrem Papier zur Vorsicht aufriefen, schrieben die umstrittenen Bioethiker Julian Savulescu und Peter Singer  weiterhin von schier endlosen technischen Machbarkeiten, mit denen sie ihre Befürwortung von vererbbarem Genome Editig begründen. Obwohl die genetische Basis von Diabetes und Herzkreislauf-Erkrankungen nach wie vor kaum geklärt ist, soll Genome Editing – einmal frei von Off-Target-Effekten – Therapien liefern. Dabei verharmlosen sie das Risko indem sie Genome Editing mit etablierten Therapien für Kinder vergleichen. Zudem behaupten sie, dass auch die Intelligenz von Menschen in der Zukunft durch Genome Editing erhöht werden könnte.

In den nächsten Monaten wird sich zeigen, ob es möglich ist, tatsächlich eine realitätsverankerte Debatte über Genome Editing zu führen und sich darauf basierend auf ein weltweites Forschungs-Moratorium zu verständigen. Und ob die gewonnene Zeit für gemeinsame internationale Abwägungen über den zukünftigen Umgang mit der Technologie genutzt wird. Wenn die Wissenschaftsgemeinschaft es ernst meint, würde dabei endlich nicht nur die technische Sicherheit im Vordergrund stehen. Schon im Abschlussstatement des ersten Genome Editing-Kongresses 2015 wurde eine breite gesellschaftliche Zustimmung als Basis vorausgesetzt, um vererbbares Genome Editing voranzutreiben. Bei einer ehrlichen Problematisierung der vielfachen sozialen Risiken, jenseits von ökonomisch getriebenem Hype und falschen Versprechen, wäre ein dauerhafter weltweiter Verzicht unumgänglich.

 

Isabelle Bartram ist Molekularbiologin und Mitarbeiterin des GeN.

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25. März 2019