Corona – ein Virus zeigt die Schwachstellen des Systems

Erst im Februar thematisierte der Gen-ethische Informationsdienst in seinem Schwerpunkt „Gesundheit in der Krise“ die dramatischen Auswirkungen der jahrzehntelangen Ökonomisierung im Gesundheitswesen. Jetzt steht das überlastete System vor einer Herausforderung von nie dagewesenem Ausmaß.

Ein Plakat vor einem Imbiss fordert Kund*innen zum Abstand halten auf

Aufforderung zum Abstandhalten. Foto: Isabelle Bartram

Durch die exponentielle Ausbreitung des neuartigen Corona-Virus Sars-CoV-2 stecken sich ohne Gegenmaßnahmen sehr viele Menschen in sehr kurzer Zeit an. Bei einem schweren Verlauf der Krankheit müssen die Betroffenen beatmet werden. Die Befürchtung ist, dass die Ressourcen nicht ausreichen, wenn zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken. Am Sonntag einigten sich Bund und Länder daher auf eine seit Montag geltende Ausgangbeschränkung, die einen massiven Einschnitt in die Grundrechte aller Bürger*innen darstellt. Unter dem Slogan „flatten the curve“ (die Kurve abflachen) und „wir bleiben zu Hause“ hatten Expert*innen und Politiker*innen zuvor schon dazu aufgerufen, freiwillig durch die Vermeidung von physischen Sozialkontakten die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Das Ziel ist es nicht, Infektionen vollständig zu verhindern, sondern die Ansteckung des Großteils der Bevölkerung zeitlich so zu strecken, dass das Gesundheitswesen nicht implodiert. In Italien zeigt sich wie eine Überforderung der Krankenhäuser aussehen kann. Durch die europäische Austeritätspolitik nach der globalen Wirtschaftskrise 2008 wurde Italien zu großen Einsparungen im öffentlichen Gesundheitssystem gezwungen, die sich jetzt rächen. Die italienische Regierung meldete am Samstag den 21. März landesweit fast 800 Tote an einem Tag durch die Folgen einer Sars-CoV-2-Infektion. Italienische Ärzt*innen und Pflegepersonal berichten, dass durch den Mangel an Beatmungsgeräten entschieden werden muss, wessen Leben durch Beatmung gerettet wird und wessen nicht. Wie die Lage sich in Deutschland entwickeln wird, ist durch die lange Inkubationszeit des Virus noch unklar. Ob die Strategie der Bundesregierung zu einem Abflachen der Infektionsrate geführt hat, und das Gesundheitssystem vor einem Kollaps gerettet ist, wird sich erst in den nächsten Wochen zeigen.

Zwischen Fake News und Expertise

In der täglichen Informationsflut fällt es überaus schwer einzuschätzen, welchen Informationen und welchen Expert*innen zu trauen und wie die Maßnahmen der Bundesregierung gegen die Pandemie zu bewerten sind. Während die Beliebtheit des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) durch sein hartes Durchgreifen in der Corona-Krise steigt, stellen andere die Entwicklung in den Kontext der seit Jahren schrittweisen Ausweitung staatlicher Befugnisse und Überwachungsmöglichkeiten. Die Bayerische Regierung hatte, wie andere Bundesländer auch, erst 2018 ein neues Polizeigesetz mit einer erheblichen Ausweitung polizeilicher Befugnisse trotz massiver Proteste aus der Bevölkerung beschlossen. Nun verhängte Bayern schon am 20. März als erstes Bundesland eine Ausgangssperre, die über das „Kontaktverbot“ der Bunderegierung hinausgeht.

In ihrem Corona-Tagebuch dokumentiert die Redaktion von „CILIP, Bürgerrechte und Polizei“ die Grundrechtseinschränkungen. Es soll einen Beitrag dazu leisten, dass „diese später zu hundertzehn Prozent zurückgefahren werden“. Sorge bereitet Datenschützer*innen auch der inzwischen zurückgezogene Vorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn, auf Handydaten von Infizierten zuzugreifen um Kontaktpersonen zu identifizieren. Das Robert-Koch-Institut (RKI) arbeitet laut dem Handelblatt seit März an einer Lösung diese Daten zu nutzen. In Südkorea wurde dieses Mittel massiv eingesetzt und der starke Rückgang der lokalen Fallzahlen darauf zurückgeführt.

Fehlende Evidenz?

Gleichzeitig stellen andere die wissenschaftliche Expertise in Frage, die hinter den aktuellen politischen Entscheidungen steht. Ist das Coronavirus wirklich so gefährlich oder eher wie eine Grippe? Sind die Maßnahmen verhältnismäßig? Der Arzt und SPD-Politiker Wolfang Wodarg behauptete beispielsweise zum Entsetzen vieler seiner Partei-Kolleg*innen, Corona sei gar keine neue Erkrankung, deswegen handele es sich bei der Reaktion von Bundesregierung und Behörden um Panikmache. Die Recherche-Organisation Correctiv hat Wodargs Aussagen auseinandergenommen und kommt zum Schluss, dass er Fakten und Spekulationen vermischt und Unwahrheiten verbreitet. Seine Behauptungen wurden in der Zwischenzeit vielfach von rechten und verschwörungstheoretischen Kanälen weiter verbreitet, wie der Webseite KenFM. Er ist deswegen seit Mittwoch nicht mehr Vorstandsmitglied der deutschen Sektion der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International.
Wordag ist nicht der einzige, der Zweifel an der Gefährlichkeit des Virus sät. Die allgemeine Verunsicherung und das wissenschaftliche und medizinische Spezialwissen, das nötig ist um die Thematik zu begreifen, schafft ein ideales Klima für die schnelle Verbreitung von Falschinformationen. In den USA verstarb ein Mann nachdem er sich selber mit Chloroquin behandelt hatte, andere mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden. Der US-Präsident Donald Trump persönlich hatte behauptet, das Medikament sei ein „game changer“ in der Behandlung von Sars-CoV-2-Infektionen, ohne dass es dafür wissenschaftliche Belege gäbe.

Doch selbst mit ihrem Spezialwissen kommen Expert*innen in dieser Ausnahmesituation an ihre Grenzen. Eine wichtige Insel in der Corona-Informationsflut ist der Leiter der Virologie der Berliner Charité, Christian Drosten, der in einem Corona-Virus-Update des NDRs täglich über Neuigkeiten berichtet. Vertrauen schafft Droste auch mit seinem transparenten Umgang mit den eigenen Wissenslücken und Unsicherheiten der Wissenschaft. Die tatsächliche Wirksamkeit von Ausgangsperren ist eine solche Unsicherheit. So erläuterte Drosten, dass es „überhaupt keine Daten, weder in Deutschland noch irgendwo anders“ dazu gäbe, welchen Effekt eine Ausgangssperre hat. Darauf machte auch der US-amerikanische Gesundheitsforscher und Stanfordprofessor John P.A. Ioannidis aufmerksam, der die Situation in einem Meinungsartikel als „evidence fiasco“ bezeichnete. Die drastischen politischen Entscheidungen, die weltweit getroffen werden, sind Ioannidis zufolge wissenschaftlich unfundiert. Er erntete damit von Kolleg*innen vielfach die Kritik, es sei nicht der richtige Augenblick die Gefahr herunterzuspielen. Doch auch das Deutsche Netzwerk für Evidenzbasierte Medizin (EbM) betonte in einer Stellungnahme, dass es nicht belegt sei, wie wirksam Maßnahmen wie „Social Distancing“ (soziale Distanzierung) seien. Zudem wäre das Ausmaß der negativen Gesundheitsfolgen wie soziale Isolation und die Auswirkungen einer Wirtschaftsrezession noch unbekannt. Doch laut EbM sei es „nicht auszuschließen, dass die COVID-19-Pandemie eine ernstzunehmende Bedrohung” darstellt, und Maßnahmen wie Kontaktvermeidung seien das einzige, was derzeit getan werden kann, “wenn man nicht einfach nur zusehen und hoffen” wolle.
So berechtigt die Kritik an der fehlenden Evidenz auch ist, ist sie zugleich irreführend. Das Virus ist schlicht zu neu als dass es schon größere oder detailliertere Studien geben könnte, mit denen man die dringenden Fragen beantworten könnte. Selbstverständlich wäre es gut, die Todesrate, die in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich ist, genauer bestimmen zu können, um zu wissen, wie gefährlich das Virus tatsächlich ist. Politische Entscheidungen von der Tragweite, wie sie derzeit rund um den Globus getroffen werden, sollten eigentlich nicht ohne eine bessere Wissensgrundlage erfolgen. Aber: Die berechtigte Sorge vor sehr vielen Toten, wenn zu spät gehandelt wird, und die schnelle Ausbreitung des Virus rechtfertig ein Handeln, das sich teilweise auf Vermutungen stützen muss.

Innovationsmöglichkeiten

Für den weiteren Verlauf der Pandemie ist auch entscheidend wie schnell die Entwicklungen von Impfstoff und Medikamenten gegen Sars-CoV-2-Infektionen möglich ist. Bisher existieren keine speziell für das Virus validierten Wirkstoffe. Die Wissenschaftsorganisation Leopoldina sieht in der Corona-Krise auch eine „Innovationsmöglichkeit“, allerdings nicht bezüglich der Neustrukturierung des kaputtgesparten Gesundheitssystems. Die Autor*innen einer Ad-hoc-Stellungnahme, zu denen auch der Virologe Christian Drosten gehört, schlagen auf Grund der Ausnahmesituation vor, Zulassungsverfahren für Impfstoffe und Medikamente zu „dynamisieren“. Denn derzeit sei “mit einer Entwicklungszeit von mindestens 4-6 Monaten für Medikamente und 9-12 Monaten für Impfstoffe” zu rechnen. An welchen Schrauben dafür gedreht werden sollen, konkretisiert das Papier jedoch nicht. Weltweit wird darüber diskutiert Zulassungsverfahren zu verkürzen. US-Präsident Donald Trump versprach, dafür „die Bürokratie so zu minimieren wie niemand vor ihm“. Die Trump-Regierung erlaubt bereits seit Januar Impfstoffherstellern die Sicherheit eines Corona-Impfstoffes an 45 Freiwilligen zu testen, bevor die Sicherheitsüberprüfung an Tiermodellen abgeschlossen ist. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt  dieses Vorgehen nach Beratung mit öffentlichen Forschungseinrichtungen und Pharmafirmen. Laut dem Online-Magazin Politico warnen Expert*innen jedoch davor, die Standards für klinische Studien zu senken. Im harmlosesten Fall könnten die Medikamente nicht die versprochene Wirksamkeit haben. Schon jetzt fehlt für viele neu zugelassene Medikamente auf dem deutschen Markt der wissenschaftliche Beleg für ihren Nutzen. Im schlimmsten Fall könnten nicht ausreichend geprüfte Wirkstoffe schädlich sein.

Doch nicht nur die Zulassung, auch schon die Erforschung von Medikamenten, Impfstoffen und Diagnosemöglichkeiten sollen durch besondere Förderung beschleunigt werden. Insgesamt 145 Millionen Euro wurden dafür vom Bundesforschungsministerium (BMBF) bereitgestellt, die zum großen Teil in die Erforschung von Impfstoffen fließen werden. Die Organisation Universities Allied for Essential Medicines (UAEM) wies in einer Petition darauf hin, dass mit dem Geld auch Unternehmensforschung gefördert wird. Sie fordern daher, dass „alle mit deutschen Steuergeldern entwickelten Diagnostika, Impfstoffe und Therapien für COVID-19, nicht exklusiv lizenziert werden“. Dies soll sicherstellen, dass die entwickelten Mittel weltweit allen betroffenen zu bezahlbaren Preisen zur Verfügung stehen.

Langfristiges Umdenken

Während noch Unsicherheit über viele Zahlen und Maßnahmen besteht, wird eines mit der Corona-Krise schon jetzt deutlich: ein langfristiges Umdenken in Bezug auf die Finanzierung des Gesundheitssystem ist absolut notwendig. Noch vor kurzem wurde von „Überkapazitäten“ in Bezug auf Betten und Krankenhäuser geredet. Nun offenbart die drohende Pandemie die tatsächlichen Zustände in Krankenhäusern. Laut Anja Voigt, Krankenpflegerin vom Berliner Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus, hätten „jahrelange Sparvorgaben und Produktionsverlagerungen ins Ausland […] zu einer maximal knappen Materialbevorratung geführt, sodass jetzt nicht genug vorhanden ist.” Das Krankenhauspersonal müsse daher Schutzkittel, Masken und Mundschutz teilweise mehrfach verwenden. Diese Verhältnisse existieren laut dem Bündnis nicht nur in Krankenhäusern sondern „in allen Bereichen unseres Gesundheitswesens. Ambulante Pflegeeinrichtungen, Seniorenheime, Arztpraxen“. Überall herrsche Personal- und Materialmangel. Ursache sei die Ökonomisierung durch Fallpauschalen (DRGs), die 2003 eingeführt wurden. Auch die Kampagne „Krankenhaus statt Fabrik“ bezeichnete die Aussage von Gesundheitsminister Jens Spahn, das Gesundheitssystem sei auf die neuen Herausforderungen gut vorbereitet, als „krasse Fehldiagnose“. Es fordert die Beendung der Ausrichtung der stationären Versorgung auf betriebswirtschaftlichen Gewinn.

Noch ist jedoch nicht der Zeitpunkt erreicht, an dem retrospektiv Konsequenzen aus der Corona-Pandemie geschlossen werden können. In der derzeitigen Krise muss es darum gehen, Tote und Panik zu vermeiden, und eine möglichst gute Versorgung der Bevölkerung – hierzulande und weltweit – mit bezahlbaren Medikamenten und medizinischer Versorgung zu gewährleisten.

Isabelle Bartram ist Molekularbiologin und Mitarbeiterin des GeN.

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Kirsten Achtelik arbeitet als freie Autorin und Journalistin zu behinderten- und geschlechterpolitischen Themen.

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26. März 2020

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