GeN (Berlin) startet das Alternative Gen-Alphabet zum Internationalen Kongress für Genetik

In dieser Woche (12.-17.7.2008) wird in Berlin der Internationale Kongress für Genetik (ICG) abgehalten – für das Gen-ethische Netzwerk e.V. Anlass, deutlich dagegen zu protestieren, welche Botschaften die Genomforschung und die Humangenetik transportieren und in welches gesellschaftliche und ökonomische Projekt sie eingebunden sind.

Die heutige Genomforschung unterscheidet sich nicht prinzipiell von der Genetik alter Tage; denn ebenso wie sie erklärt sie Krankheiten, Behinderungen oder Gemütszustände zu einem individuellen Problem. „Die Genomforschung repräsentiert ein Projekt, das das Gesellschaftliche weiterhin, wenn auch oft in anderer Gestalt, in molekularbiologische und biomedizinische Probleme von Individuen übersetzt", erklärt die Sprecherin des GeN Susanne Schultz.
Dem Einzelnen wird zunehmend die Verantwortung aufgebürdet, sein Leben entsprechend von - biomedizinisch bestimmten - Risikostrukturen zu „managen“. Der Einzelne „als Unternehmer seiner Selbst“ ist nicht umsonst die Losung einer Epoche, die den stetigen Abbau sozialer Sicherung erlebt hat, die zunehmend im Zeichen der Folgen einer enthemmten liberalen Ökonomie steht und die an die Heilungskraft von Wörtern wie „good governance“ glaubt. Die Genomforschung ist der biowissenschaftliche Kumpan dieser politischen Ökonomie. Zunehmend kapriziert sich die Genomforschung heute auch auf „Umweltfaktoren“. Sie bringt etwa Gewalterfahrungen in der Kindheit oder die Ernährung in der Schwangerschaft mit veränderten Genaktivitätsmustern in Zusammenhang. Die soziale Erfahrung im Leben eines Menschen wird zu einem Störfaktor in einer reduzierten Versuchsanordnung und auf einen genetischen Rückkoppelungseffekt reduziert. Das GeN stellt fest: Auch der Zuwachs an Komplexität und Unübersichtlichkeit in der Genomforschung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das genetische Paradigma als Bezugspunkt und letztendlicher Ursprung einer wenn auch stärker flexibel und manipulierbar gedachten „menschlichen Natur“ fortlebt.
Während seit neuestem jeder und jede in einem Gen-Online-Lexikon von Wikipedia am vermeintlichen Menschheitsprojekt „Genomforschung“ teilhaben soll, startet das GeN das Alternative Gen-Alphabet und leistet damit seinen Beitrag zur Entlarvung des modernen Mysteriums GENOM. Das Alternative Gen-Alphabet ist eine Sammlung von Presseberichten über „Gene für“ Schizophrenie, Homosexualität usw. In der Gesamtschau zeigt sich, wie absurd etwa die jährliche Häufung neuer Meldungen über ein „Gen für Homosexualität“ ist.
Das Alternative Gen-Alphabet ist ein Gedächtnis der Verheißungen von Gestern und wird mit den nicht abreißenden Versprechen der Genomforschung von Heute und in Zukunft fortgesetzt.

    Der International Congress for Genetics wird alle fünf Jahre abgehalten. In Deutschland wurde er das letzte Mal 1927 ebenfalls in Berlin unter der Präsidentschaft des Pflanzengenetikers und Eugenikers Erwin Baur abgehalten.
    Seit vielen Jahren begleitet das Gen-ethische Netzwerk e.V. (GeN) kritisch humangenetische Forschung, humangenetische Wissensverbreitung und humangenetische Diagnostik – und kritisiert ihre Auswirkungen auf heutige Vorstellungen von Krankheit, Behinderung oder von Verhaltensmustern, die als abweichend gelten.
    Weitere Infos:
    Susanne Schultz: susanne.schultz@gen-ethisches-netzwerk.de
    Rückfragen an:
    Alexander Schwerin, Vorstand des Gen-ethischen Netzwerks Tel.: 0049 176 248 04 269 Gen-ethisches Netzwerk e.V. Brunnenstrasse 4, 10119 Berlin Fon: 030-6857073 // Fax: 030-6841183 eMail: gen@gen-ethisches-netzwerk.de Im Internet: www.gen-ethisches-netzwerk.de

    14. Juli 2008

    Just in time for the opening of the ICG: the NGO “Gen-ethical Network” (GeN) in Berlin launches its Alternative Encyclopaedia of Genes. “The gene for…” – is now a quite common and accepted expression. However, GeN is critical of this new icon of the 21st Century: the genome. Researchers, industry and politicians often suggest that the genome holds the answers to today’s problems in the realms of medicine, nutrition and agriculture.
    In its Alternative Encyclopaedia of Genes, the GeN presents a collection of press reports from the past, each of which announced the “genes for” schizophrenia, homosexuality or whatever else had been "discovered". The Encyclopaedia is an effort to do away with the mystery of THE GENOME. The Alternative Encyclopaedia of Genes is the reminder of yesterday's promises, to be continued with today's promises and future genomics.