Mit Sicherheit immer noch keine gute Idee
Auch das technisch zuverlässigere Base-Editing-Verfahren löst keine ethischen Grundsatzfragen
Die Debatte um Genome Editing am Menschen hat neuen Zündstoff bekommen: Gleich zwei neue wissenschaftliche Publikationen zum Einsatz von Base Editing bei menschlichen Embryonen bestärken Fürsprecher*innen von Keimbahneingriffen. Ihre Argumentation greift jedoch zu kurz.
CRISPER-Cas wurde 2016 zu Base Editing weiterentwickelt: beide Werkzeuge werden für präzises Genome Editing eingesetzt. Mit der Weiterentwicklung verbundene Sicherheitsfortschritte werden derzeit zur Legitimierung der menschlichen Keimbahn und Genome Editing bei menschlichen Embryonen herangezogen. Fotos: Ēriks Irmejs und Giullia Siqueira auf Unsplash.
Im Mai 2026 fachten zwei wissenschaftliche Veröffentlichungen die Debatte über Genome Editing beim Menschen erneut an. Beide Studien rücken die neue Editierungsmethode „Base Editing“ ins Rampenlicht und demonstrierten deren erfolgreichen Einsatz an menschlichen Embryonen. Base Editing ist eine 2016 veröffentlichte Weiterentwicklung von CRISPR-Cas, die den Werkzeugkasten für Genome Editing erweitert. Der Hauptvorteil von Base Editing ist die Vermeidung von Doppelstrangbrüchen der editierten DNA. Diese können zu chromosomalen Fehlern führen und stellen ein Sicherheitsproblem beim klassischen CRISPR-Cas-Verfahren dar. Allerdings lassen sich mit Base Editing nur bestimmte Punktmutationen vornehmen. Die Technologie ist also weniger flexibel einsetzbar als CRISPER-Cas.
Nun nutzte ein vom Schweizer Mikrobiologen Dietrich Egli geleitetes Team der Columbia University Base Editing, um gezielte Mutationen in zwei Genen hervorzurufen. Ziel der Untersuchung waren das Cholesterin regulierende Gen PCSK9 und das Gen HGB, welches Hämoglobin bei Föten kodiert. Beide Gene wurden primär deshalb ausgewählt, weil ihre gentechnische Veränderung bei somatischen Zellen vergleichsweise gut erprobt ist. Parallel dazu wendete das Team der US-Entwicklungsbiologin Kathy Niakan Base Editing an, um das Gen NANOG gezielt auszuschalten und die Genregulation während der Embryonalentwicklung zu untersuchen. Im direkten Vergleich zur Anwendung bei Mäusen zeigte die Genomeditierung bei menschlichen Embryonen, dass sich die Wirkung der genetischen Veränderung nicht einfach von Tiermodellen auf Menschen übertragen lässt.
Beide Studien verwendeten zur Forschung gespendete menschliche Embryonen. Sie veränderten deren Genom und ließen diese bis zum Blastozysten-Stadium sechs Tage nach der Befruchtung entwickeln, um die Effekte der Genomeditierung zu untersuchen. In beiden Studien ging es vor allem darum, die Technologie bei menschlichen Embryonen zu erproben. Die tatsächlichen genetischen Veränderungen wurden eher nebensächlich verhandelt.
Den Einsatz neuer Technologien gründlich abwägen
Um über den Einsatz von risikobehafteter Technologie zu entscheiden, müssen drei relevante Fragen zur Machbarkeit, zum Überblick und zur Wertung unabhängig voneinander beantwortet werden. Etwas lax könnten sie so formuliert werden: Können wir unser Vorhaben umsetzen? Wissen wir, was wir tun? Und ist unser Plan eine gute Idee?
In Bezug aufs Genome Editing lassen sich diese Fragen konkretisieren. So geht es bei der Machbarkeit darum, das menschliche Genom souverän manipulieren zu können. Um das zu beurteilen, ist die Effektivität der Technologie entscheidend. Sie beschreibt den Anteil der Manipulationsversuche, der tatsächlich eine genetische Veränderung hervorruft. Gleichzeitig muss die Technik präzise und genau einsetzbar sein. Präzision bezieht sich auf den Anspruch, dass Eingriffe zuverlässig an den vorgesehenen Stellen im Genom wirksam werden, während Genauigkeit bedeutet, dass die Effekte auf diese Stelle begrenzt bleiben. Beide Faktoren werden beim Genome Editing eingeschränkt durch Off-Target-Effekte, bei denen Genomveränderungen an unvorhergesehenen Stellen geschehen, und Mosaikeffekte, wenn nicht alle Zellen des manipulierten Organismus verändert werden. Die Frage nach dem Überblick betrifft unser Systemverständnis und die tatsächliche Wirkung der Intervention. Aufgrund der komplexen genetischen Interaktionen durch Pleiotropie, entwicklungsspezifische Regulierung, Mehrgenerationen-Effekte, Epigenetik und Umwelteinflüssen können gentechnische Veränderungen neben dem Zieleffekt auch unvorhergesehene Effekte erzeugen. Die Wertung bezieht sich darauf, ob der erhoffte Effekt tatsächlich wünschenswert ist. Es geht um die gesellschaftlichen Implikationen des Technologieeinsatzes – oder konkret darum, inwieweit Genome Editing am Menschen Diskriminierung und Anpassungsdruck befördert und ob hier ein Technofix zur Individualisierung von gesellschaftlichen Problemen herangezogen wird.
Die ethische Bewertung des Einsatzes einer neuen Technologie erfordert, alle drei Fragen positiv zu beantworten: Der Einsatz muss präzise und genau möglich sein, darf keine unerwarteten Nebeneffekte erzeugen und muss im Ergebnis wünschenswert sein. Die ersten beiden Fragen können unter der Überschrift „Sicherheit“ zusammengefasst werden und sind mehr oder weniger direkt überprüfbar. Die dritte ist hingegen eine ethische Grundsatzfrage, die gesellschaftlich ausgehandelt werden muss und größtenteils unabhängig von technischem Fortschritt ist.
Genome Editing ist nicht gleich Genome Editing
Entscheidend an der Debatte ist allerdings nicht nur, dass bei den Versuchen eine neue Technologie zum Einsatz kam, sondern auch wofür genau sie eingesetzt wurde: speziell für Eingriffe in die menschliche Keimbahn. Diese sind vom Genome Editing bei somatischen Zellen wie etwa für Gentherapien abzugrenzen. In beiden Fällen wird dieselbe Technik verwendet und ein präziserer Umgang mit Base Editing kommt beiden zugute. Aber es gibt entscheidende Unterschiede – sowohl hinsichtlich des Systemverständnisses als auch der ethischen Grundsatzüberlegungen. Bei der Veränderung somatischer Zellen sind Zielgewebe und Entwicklungsstand der betroffenen Person eng eingegrenzt. Dadurch ist der Kontext, in dem Genomeditierungen zum Tragen kommen, vergleichsweise überschaubar. Im Gegensatz dazu betreffen Keimbahneingriffe alle Zellen der betroffenen Person, und zwar über ihre gesamte Entwicklung hinweg und in alle Generationen an Nachkommen hinein. Dadurch ist der Wirkungskontext der Genomeditierungen nicht mehr zu überblicken. Relevante Faktoren, die hier zu unvorhergesehenen Effekten führen können, sind unter anderem unterschiedliche Effekte je nach Gewebetyp, Entwicklungsstadium, im Zusammenspiel mit unterschiedlichen Umwelteinflüssen und in Abhängigkeit von variabler epigenetischer Regulation. Auch ethisch macht es einen Unterschied, ob die betroffene Person die Entscheidung für eine Gentherapie selbst fällen kann oder ob sie wie bei Keimbahneingriffen an Embryonen von Dritten getroffen wird.
Entsprechend sind die aktuell veröffentlichten Forschungserfolge zwar eine schrittweise Verbesserung in der Beherrschung der Base-Editing-Technologie, sie lassen jedoch die eigentlich brisanten Fragen unbeantwortet. Auf Basis der Ergebnisse zu einem Teilbereich der Sicherheitsabwägungen nun für den Einsatz von Genome Editing bei menschlichen Embryonen zu argumentieren, wirkt daher wie ein Strohmann-Argument.
Seid ihr sicher?
Auch die aufgeführten Verbesserungen bei der Sicherheit von Base Editing sind lückenhaft. Tatsächlich demonstrieren beide Studien die Machbarkeit von Base Editing bei menschlichen Embryonen. Sie zeigen, dass einige der Probleme von Genome Editing durch CRISPR-Cas, insbesondere chromosomale Störungen durch DNA-Doppelbrüche, deutlich reduziert werden konnten. Sie zeigen aber ebenso, dass auch Base Editing störanfällig ist und ungewollte gentechnische Veränderungen auftraten. So kommt es auch beim Base Editing zu Off-Target-Effekten und Mosaikbildung, welche in beiden Studien beobachtet wurden.
Die Studien lösen auch nicht das Problem des eingeschränkten Systemverständnisses – tatsächlich betonen sie es. So stellte die Studie von Niakan fest, dass sich die Ergebnisse von Genome Editing in Tiermodellen nicht direkt auf den Menschen übertragen lassen. Mit anderen Worten: Welche Auswirkung die Eingriffe auf die menschliche Entwicklung haben, lässt sich frühestens nach einer Generation sagen. Und auch dann ist die Aussagekraft auf die Umstände beschränkt, in denen die betreffende Person gelebt hat, da Umwelteinflüsse und epigenetische Faktoren die Auswirkung der gentechnischen Veränderung beeinflussen. Diese Verzögerung im Erkenntnisgewinn lässt sich durch keinen technischen Fortschritt beschleunigen.
Insbesondere klammert die Diskussion um Verfahrensfortschritte aber die Frage aus, ob Keimbahneingriffe beim Menschen grundsätzlich wünschenswert sind – selbst wenn sie präzise durchgeführt werden können.
Der kurze Weg von Therapie zu Optimierungsfantasien
Die Verfechter*innen von Keimbahneingriffen führen das therapeutische Potenzial von Genome Editing zur Verhinderung erblicher Krankheiten wie Sichelzellanämie an. Tatsächlich ist dieses Potenzial dadurch beschränkt, dass viele erbliche Krankheiten durch das Zusammenspiel vieler beteiligten Gene hervorgerufen werden. Diese Komplexität schränkt den therapeutischen Einsatz von Genome Editing stark ein, da die Verfahren für punktuelle Veränderungen an wenigen Stellen im Genom eingesetzt werden. Und die Fälle, bei denen erbliche Krankheiten speziell durch ein oder wenige spezifische Mutationen hervorgerufen werden, sind genau jene, in denen bereits wirkungsvolle Alternativen wie genetische Screenings bei In-vitro-Fertilisation (IVF) existieren. Diese sind zwar ebenfalls kritisch zu betrachten, allerdings übertragen sich die Argumente gegen selektive Pränataldiagnostik auch direkt auf Genome Editing bei menschlichen Embryonen. Therapeutisch bleibt das argumentative Feld also beschränkt auf jene Fälle, in denen IVF nicht funktioniert, Betroffene jedoch den Wunsch nach hundertprozentig verwandtem Nachwuchs hegen. Es gilt zu hinterfragen, welche Vorstellung von Verwandtschaft hier zugrunde liegt, und ob das gewünschte Ziel, nämlich die Weitergabe des eigenen Erbguts, noch erreicht wird, wenn eben jenes durch technische Interventionen verändert wird?
Generell ist zu vermuten, dass es bei Genome Editing von menschlichen Embryonen eben viel mehr um Selbstoptimierung geht. In diese Richtung weist auch der Umstand, dass die Forschung dazu nicht staatlich, sondern privat gefördert wird – und zwar von Akteur*innen mit direktem finanziellen Interesse. So wird die Arbeit der Egli-Forschungsgruppe von der Genomic Prediction Inc. mitfinanziert; eine Förderung durch Nucleus Genomics ist angekündigt. Beide Firmen sind außerdem über Koautorschaften an der Studie beteiligt. Exakt diese beide Firmen haben bereits 2025 angekündigt, zusammen „Genetic Optimization Software“ zu entwickeln. Nucleus Genomics wirbt schon jetzt mit dem Slogan „Have your best baby“ und bietet IVF-Screenings auch zur angeblichen Optimierung von Eigenschaften wie Größe und Intelligenz an. Die Berufung auf den therapeutischen Einsatz von Keimbahnveränderungen durch Base Editing scheint da vorgeschoben – der Einsatz für genetische Optimierung und transhumanistische genetische „Verbesserungsvorstellungen“ hingegen vorgezeichnet.
Das von Dietrich Egli vorgebrachte Argument, dass seine Wissenschaft wertneutral sei und die erzielten Erkenntnisse die Basis für eine ethische Debatte in der Gesellschaft bereitstellen sollen, wirkt wie ein halbgarer Versuch, sich der Verantwortung als Wissenschaftler zu entziehen. Denn entgegen dem oft kolportierten Selbstbild der wissenschaftlichen Neutralität, ist diese nie befreit von Wertevorstellungen, Ethik und Verantwortung. So trägt die Propagierung von sicherem Genome Editing zu deren Normalisierung bei und bereitet auch den Weg für Optimierungs- und Selektions-Ambitionen – zumal wenn die eigene Forschung von selbsterklärten gentechnischen Optimierungsunternehmen gefördert wird.
Auch das neue Werkzeug lässt alte Fragen unbeantwortet
Es gilt also, erfolgreiche Machbarkeitsstudien nicht mit Antworten auf ethische Fragen zu verwechseln. Bei technischen Fortschritten ist „sicherer“ auch nicht gleich „sicher“. CRISPER-Cas wurde in Abgrenzung zu vorherigen Editierungstechnologien als „extrem präzise“ und „sicher“ gewertet – und das war es im Vergleich auch. Nun muss dieselbe Technologie als „altes, unsicheres Verfahren“ herhalten, um die Vorzüge des neueren Base Editing zu betonen. Aber auch Base Editing ist nicht fehlerfrei – und die Nachfolgetechnologie steht schon in den Startlöchern: Sie heißt „Prime Editing“. Und nein, auch sie ist nicht perfekt.
Und bei einem hilft das ganze technische Karussell eben nicht: bei der Beantwortung der Frage, ob wir tatsächlich die Genome von zukünftigen Menschen verändern wollen, nur weil wir es können.
Die Haltung des GeN dazu ist klar: Wir setzen uns gegen vererbbare humangenetische Veränderungen ein! Für viele der Ängste, die durch Keimbahneingriffe angesprochen werden, gibt es bereits effektivere Alternativen. Mitunter liegen Antworten auch an unerwarteten Stellen: So empfindet etwa Dr. Edward Donnell Ivy, der medizinische Leiter der Sickle Cell Disease Association of America, gerade den Fortschritt bei Gentherapien als Ermutigung zum Leben mit Sichelzellanämie. Während diese als eines der vielversprechendsten therapeutischen Einsatzgebiete für Keimbahneingriffe gehandelt wird, sägt der medizinische Fortschritt gleichzeitig auch an deren Legitimation. Der Diagnose wird in weiten Teilen der Schrecken genommen und die Betroffenen könnten schlicht selbst entscheiden, ob sie Gentechnik in Anspruch nehmen möchten – oder nicht.
Kosmas Hench ist Mitarbeiter des GeN und Redakteur des GiD.