Offene Rechnungen: Gentechnik+Kritik+Ökonomie

Einführung


Es ist soweit: Allem Krisengerede zum Trotz halten Sie heute die 200ste Ausgabe des GID in den Händen. Dies liegt auch daran, dass wir uns nicht von öffentlichen Zuschüssen oder privatem Sponsoring abhängig gemacht haben, sondern uns auf Sie als LeserInnen verlassen konnten. 200 Ausgaben haben Sie seit 1985 durch immer weiter verzweigte Pfade der Gentech-Kritik geführt. Diese haben über die Bedingungen des genetischen Wissens ebenso berichtet, wie über seine diversen Anwendungen und Folgen - von „Aarhus-Konvention“ bis „Zystische Fibrose“. In dieser Jubiläumsausgabe haben wir einiges anders gestaltet. Und wir haben dafür viele wunderbare Geburtstagsgeschenke erhalten: Texte, Antworten auf Interviews und - last but not least - Aktionsideen für unser Aktions-Special. Gleich als erstes vielen, vielen Dank an alle Einzelpersonen und Gruppen, die sich beteiligt haben! Wir haben für den GID 200 auf die üblichen Rubriken verzichtet. Stattdessen widmet sich die Ausgabe 200 einer Querschnittsfrage . „Wieviel und welche Ökonomie-Kritik steckt in der Gentechnik-Kritik?“ Diese offene Frage treibt uns in allen Themenfeldern des GID um. Ökonomie-Kritik ist eine verbindende Perspektive zwischen „roter“ und „grüner“ Gentechnik: Stichworte sind die Inwertsetzung „genetischer Ressourcen“, die Macht der Patente und die Verteidigung der Commons gegen Privatisierung. Gleichzeitig unterscheidet sich Protest aus Ökonomie-kritischer Perspektive von konservativer Kritik, die sich auf die Reinheit der Arten, auf den Schutz der nationalen Gesundheit, auf die göttliche Schöpfung - oder auch nur auf Technologiefolgenabschätzung beruft. Und schließlich ist Ökonomie-Kritik auch ein wichtiger Bezugspunkt, über den wir uns - jenseits einer Fixierung auf Technik als solche - in breitere politische Fragen einbringen und uns mit anderen Bewegungen vernetzen können: etwa im Protest gegen den Umbau des Gesundheitssystems oder gegen die unglaublich rasante Konzentration der internationalen Agrarindustrie. Diesen Fragen bietet unser aktuelles Heft in verschiedener Hinsicht Raum: Es beginnt mit theoretischen Reflexionen emanzipatorischer Gentechnik-Kritik und ihren Ökonomie-kritischen Bezügen; es folgen Texte zu aktuellen Dimensionen der Ökonomisierung in verschiedenen Bereichen und das Heft mündet in einem Aktions-Experiment - einem Ideentest zu Ökonomie-Kritik. Doch dazu nun im Einzelnen: Am Anfang des Heftes finden Sie einige komprimierte Statements zum Verhältnis Ökonomie-Kritik und Gentechnologie. Drei schon lange in der Gentechnik-Kritik involvierte GID-AutorInnen, Anne Schweigler, Ingrid Schneider und Thomas Lemke, erklären, wie sie die Querschnittsfrage des Heftes für ihre Arbeit und für aktuelle politische Perspektiven beantworten. Welche Bezüge stellten frühere gentech-kritische Bewegungen her? Birgit Peuker hat in alten GID-Jahrgängen gestöbert und überraschende Antworten gefunden. Schließlich führen auch Thesen, die Steffi Ober zum Bioökonomierat der aktuellen Bundesregierung aufstellt, in Ökonomie-kritische Dimensionen von Biotechnologie-Kritik ein. Es folgen aktuelle Artikel zu verschiedenen Bereichen der Ökonomisierung via Gentechnik (oder Gentechnik via Ökonomisierung): Tanja Busse zeigt anhand der internationalen Lebensmittelindustrie, dass diese auf einer Doppelmoral beruht - je weiter Menschenrechtsverletzungen und Unrecht entfernt sind, desto weniger kratzt es die hiesigen WirtschaftsteilnehmerInnen, sei es nun im Handel oder im Konsum. Christof Potthof wirft einen Blick in den aktuellen Bericht „Bioscience for Life - who decides what research is done in health and agriculture?”, den Helen Wallace von GeneWatch UK jüngst veröffentlicht hat. Schließlich dokumentieren wir heterogene Argumente von NGOs in den USA rund um ein spannendes Urteil, das ein New Yorker Richter gegen die Patentierbarkeit von so genannten „Brustkrebs-Genen“ jüngst gefällt hat. Genug gedacht und analysiert: Die zweite Hälfte dieses GID deklarieren wir zum Experimentierfeld für Aktions- und Protestformen. Dazu haben wir Gruppen und Einzelpersonen in unserem politischen Umfeld gebeten, sich eine - möglichst „Ökonomie-kritische“ - Aktion zu einem von uns vorgegebenen Thema auszudenken: von Eizellhandel bis Genkartoffel. Um der Phantasie auf die Sprünge zu helfen, schlugen wir verschiedene Formen der politischen Äußerung und des Protestes vor - von Straßenperformances bis zu Krimipassagen. Störrisch wie sie sind, haben die AktivistInnen ihre eigenen Ideen entwickelt. Sehen Sie selbst, was ihren kreativen Köpfen - wohl ab und an auch bei einem Gläschen Wein - entsprang. Nur eins sei verraten: Es erreichten uns sowohl fiktive als auch bereits realisierte Aktionen - und es gab auch Gruppen, die den Anlass nutzten, die Aktionsidee auch gleich in die Tat umzusetzen. Bei einer Aktion ist, wie Sie sehen werden, auch Ihr Einsatz gefragt. Wir haben jedenfalls viel Spaß gehabt. Für uns ist das Experiment gelungen und regt an, den Redaktionsschreibtisch öfters zu verlassen und auf andere Weise Protest gegen die Zumutungen der Gentech-Industrie zu entwickeln.

Erschienen in
GID-Ausgabe
200
vom Juli 2010
Seite 4

Die GID-Redaktion

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