Ohne Gentechnik

Einführung

Die meisten VerbraucherInnen hierzulande wollen keine Gentechnik auf dem Teller. Die zunehmende Kennzeichnung von Produkten als „gentechnikfrei“ scheint diesem Wunsch entgegenzukommen. Bei diesem Trend geht es aber nicht zuletzt um Profite; und es gibt auch Verlierer.

Foto: TheS

Werden Tiere mit gentechnisch veränderten Pflanzen gefüttert, dann müssen die aus oder mit diesen Tieren hergestellten Produkte - zum Beispiel Fleisch, Wurst, Milch, Käse und ähnliches - in der Europäischen Union nicht als gentechnisch verändert gekennzeichnet werden.
Das hat besonders in den 2000er Jahren zu einer großen Unzufriedenheit in der Gentechnikkritischen Bewegung geführt. Die EU hatte ihre Gentechnik-Regulierung in den Jahren 2001 und 2003 überarbeitet. Doch bei diesem auch als „Kennzeichnungslücke“ betitelten Problem hatten sich die Institutionen nicht zu einer gemeinsamen Lösung durchringen können.

Dieser Umstand wurde umso beklagenswerter, als die Anbauzahlen für typische Futterpflanzen wie Mais und Soja deutlich anstiegen - gerade gentechnisch veränderte Sorten wurden häufiger genutzt. In der Europäischen Union stieg der Bedarf an proteinreichen Futtermitteln. Im Zuge der BSE-Krise war die Verfütterung tierischer Proteine verboten worden. Sojaschrot aus Südamerika und den USA zu beziehen schien daher eine gute Lösung zu sein.
Gleichzeitig häuften sich Berichte über die Vergiftung von Menschen und die Kontamination ganzer Landstriche in Südamerika, hervorgerufen durch den steigenden Anbau gentechnisch veränderter Sojabohnen. Denn der Anbau dieser gentechnisch veränderten Sorten geht Hand in Hand mit dem Einsatz von Breitbandherbiziden, Ackergifte, die alle anderen Pflanzen abtöten. Das Gift, das mit Abstand am häufigsten zum Einsatz kam - und immer noch verwendet wird: Glyphosat.1
In dieser Zeit hat die Bundesregierung die Forderung der Gentechnikkritischen Bewegung aufgenommen, die bestehenden Regeln für die Kennzeichnung von Lebensmitteln ohne Gentechnik in Deutschland zu überarbeiten. Nur ein einziges Unternehmen hatte seinerzeit einen Teil seiner Produkte entsprechend gekennzeichnet - die Upländer Bauernmolkerei.2 Anstatt die komplette Produktionskette aller Lebensmittel und Lebensmittelzusatzstoffe umfassend in den Blick zu nehmen, wurde der Fokus der Regulierung auf die Nutzung der Futterpflanzen gelegt.3 Die Neuregelung trat am 1. Mai 2008 in Kraft.

Soja-Bedarf

Der Großteil der etwa 4,5 Millionen Tonnen Sojaschrot, die alljährlich in Deutschland verbraucht werden, wird zur Fütterung von Schweinen, Geflügel und Rindern genutzt. 1,5 Millionen Tonnen Sojaschrot werden in der Geflügelmast und für die Eierproduktion eingesetzt. Hier liegt der gentechnikfreie Anteil bei etwas über der Hälfte. Für die Fütterung von MastRindern liegen keine Daten vor. Für die Milchproduktion werden 0,4 Millionen Tonnen Soja pro Jahr verwendet, von denen ein Drittel gentechnikfrei ist. Bei der Fütterung der Schweine wird mit 2,6 Millionen Tonnen der größten Teil verbraucht. Dieser besteht zu 99 Protent aus gentechnisch veränderten Sojabohnen. In der Summe ergibt sich ein aktueller Bedarf an gentechnikfreier Soja von knapp einer Million Tonnen.4 Es ist jedoch davon auszugehen, dass dieser in naher Zukunft noch deutlich ansteigen wird.

Zum Beispiel durch die Soja-Initiative des Lidl-Konzerns: Lidl hat den Anbau von zertifiziert gentechnikfreier Soja in Brasilien gestartet. Im Rahmen der Initiative soll im Laufe von drei Jahren so viel Soja produziert werden, wie für die Herstellung von Lidl-Produkten in den Ländern Österreich, Deutschland und der Schweiz notwendig ist. Darüber und über die Aktivitäten anderer Lebensmitteleinzelhändler bezüglich gentechnikfreier Futtermittel berichtet GID-Redakteur Christof Potthof.

Dass die Nutzung von Zertifizierungssystemen für „nachhaltige Produktion" nicht uneingeschränkte Zustimmung erntet, ist GID-LeserInnen bekannt. Rudolf Buntzel, Berater von Brot für die Welt, hat schon vor zwei Jahren im GID deutlich gemacht, dass Standards und Zertifizierungen als Ausschlusssysteme gerade für die schwächsten Akteure der landwirtschaftlichen Entwicklung in den Ländern des Globalen Südens wirksam werden können.5 In seinem aktuellen Beitrag wirft er einen Blick auf die derzeitige Debatte um die Kennzeichnung von Lebensmitteln mit einem sogenannten Tierschutz-Label. Hier spielt die gentechnikfreie Fütterung zwar nur eine Nebenrolle. Gleichwohl fördert die Debatte Interessantes zutage, zum Beispiel einen Wettlauf zwischen privaten und staatlichen Initiativen.
Die Kennzeichnung von tierischen Produkten könnte tatsächlich unmittelbar zum Stopp des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen führen. Das zeigt der Beitrag über die Entwicklungen in der Tschechischen Republik. Darin geht es um den gentechnisch veränderten (gv) Mais MON810, die einzige transgene Pflanze, die in der Europäischen Union überhaupt angebaut werden darf.

Die Basis für eine dauerhaft gentechnikfreie Landwirtschaft wird auch durch eine gentechnikfreie Züchtung gesichert. Wie die ökologische Landwirtschaft und speziell deren ZüchterInnen mit der Gentechnik-Debatte umgehen, zeigen wir mit einem weiteren Beitrag. Der eine oder die andere ZüchterIn wird auch bei der GMO free Regions Conference vertreten sein. Die Konferenz führt seit mehr als zehn Jahren regelmäßig Aktive aus Europa und anderen Teilen der Welt zusammen. So auch in diesem Jahr, wenn sich im September in Berlin VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen mit denen aus den Verwaltungen und einer interessierten Öffentlichkeit treffen. Benny Härlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft lädt mit seinem Ausblick auch ein zur Beteiligung.

In der Europäischen Union wurden im vergangenen Jahr nur in Portugal und Spanien gentechnisch veränderte Pflanzen kommerziell angebaut. In den Lebensmittelgeschäften gibt es praktisch keine Produkte aus gentechnisch veränderten Pflanzen. Mit der Nutzung der Ohne Gentechnik-Kennzeichnung für die tierischen Produkte gibt es einen Hebel für VerbraucherInnen, um die Nutzung von gv-Futtermitteln und den Anbau von gv-Pflanzen in Ländern außerhalb der EU einzuschränken.

  • 1. Der GID hat unzählige Male darüber berichtet. Siehe zum Beispiel das Interview mit Lilian G. Joensen im GID 164 (Juni 2004), im Netz unter www.gen-ethisches-netzwerk.de/soja-soja-und-nochmals-soja oder den Beitrag „Von Fröschen, Hühnereiern und Menschen“ über den ar- gentinischen Wissenschaftler Andrés Carrasco im GID 202 (Oktober 2010), im Netz unter www.gen-ethisches-netzwerk.de/von-froeschen- huehnereiern-und-menschen.
  • 2. Siehe dazu das Interview mit der Geschäftsführerin der Molkerei, Ka- rin Artzt-Steinbrink im GID 176 (Juni 2006).
  • 3. Damals war die Regulierung Teil der „Neuartige Lebensmittel- und Le- bensmittelzutaten-Verordnung”. Die Regeln der Kennzeichnung oh- ne Gentechnik wurden in das „EG-Gentechnik-Durchführungsgesetz“ aufgenommen, im Netz unter www.gesetze-im-internet.de/eggent durchfg.
  • 4. VLOG, 10.02.17. www.ohnegentechnik.org oder www.kurzlink.de/ gid245_p. Siehe auch: VLOG (2016), www.ohnegentechnik.org oder www.kurzlink.de/gid245_m, mit teilweise geschätzten Daten des Jo- hann Heinrich von Thünen-Instituts aus den Jahren 2014/2015, die 2016 veröffentlicht wurden („Stellungnahme für BMEL - Die Verfüg- barkeit von nicht-gentechnisch verändertem Soja aus Brasilien“), www.bmel.de oder www.kurzlink.de/gid245_o. Andere Quellen kön- nen (teilweise) andere Daten enthalten. Der Verband der Ölsaaten ver- arbeitenden Industrie in Deutschland geht zum Beispiel von einem ak- tuellen Verbrauch in Deutschland von 4,2 Millionen Tonnen Sojaschrot pro Jahr aus.
  • 5. „Lebensmittelstandards: Der Weisheit letzter Schluss?“ in GID 236 (Juni 2016), im Netz unter www.gen-ethisches-netzwerk.de oder www.kurzlink.de/gid245_n.

GID-Redaktion

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
245
vom Mai 2018
Seite 6 - 7