Rezension: Lesbisch-queere „Eltern­werdungs­prozesse“

Die empirische Forschung zu Familienformen jenseits der heterosexuellen Kernfamilie steht in Deutschland noch am Anfang. Insbesondere die Rolle der Reproduktionstechnologien bei der Realisierung queerer Kinderwünsche wurden bisher kaum sozialwissenschaftlich untersucht. Hier setzt die Studie von Sarah Charlotte Dionisius an: Mit Hilfe qualitativer Interviews mit lesbischen und queeren Paaren, die über Samenspende Eltern geworden sind, wird die Bedeutung der Reproduktionstechnologien thematisiert und heteronormativitätskritisch eingeordnet. Die Realitäten der Interviewpartner*innen stehen im Zentrum dieser umfassenden und durchaus voraussetzungsvollen Arbeit über verschiede Verständnisse und Praktiken von Fortpflanzung. Die Gleichzeitigkeit diesbezüglicher Öffnungs- und Schließungsprozesse durchzieht das gesamte Buch. Sie wird deutlich im Hinblick auf die politischen Entwicklungen der letzten ca. 20 Jahre, der Rechtslage sowie der reproduktionsmedizinischen Praxis. Darüber hinaus zeigt sie sich aber auch in Form der vielen normativen Aus- und Einschlüsse lesbisch-queerer (Wunsch-)Eltern, die Dionisius geschickt aus den heterogenen Erfahrungen und Ansichten der Interviewten herausarbeitet. Sensibel und wertschätzend stellt Dionisius die Untersuchungsergebnisse vor, zeigt Forschungslücken auf und plädiert für eine „differenzierte Reflexion (heteronormativer) Machtverhältnisse“. Eine sehr bereichernde Lektüre mit wertvollen Denkanstößen zur Erweiterung der vorherrschenden Vorstellungen dessen, was Elternschaft, Familie und Geschlecht bedeuten.

➤ Dionisius, S. C. (2021): Queere Praktiken der Reproduktion – Wie lesbische und queere Paare Familie, Verwandtschaft und Geschlecht gestalten. transcript Verlag, 338 Seiten, 38,- Euro, ISBN 978-3-83765-624-4.

 

Erschienen in
GID-Ausgabe
261
vom Mai 2022
Seite 37

Taleo Stüwe ist Mediziner*in und Mitarbeiter*in des GeN.

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