Rezension: Voraussagen zu Voraussagen

„Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Diese weise Anmerkung (übrigens unklar, ob von Karl Valentin, Mark Twain oder Winston Churchill) steht einer umfangreichen Studie zu prädiktiven Gentests in Deutschland von Thomas Lemke und Regine Kollek voran. In zweierlei Hinsicht geht es um eine unsichere Zukunft: Fast alle heute verfügbaren prädiktiven Gentests erlauben keine sicheren Prognosen, sondern nur Berechnungen eines erhöhten Risikos, eventuell in der Zukunft zu erkranken. Aber nicht nur Prognosen sind das Thema. Die AutorInnen beanspruchen selbst, in ihrer Studie prognostisch tätig zu werden - nämlich für die Zukunft der gesellschaftlichen, gesundheitspolitischen und psychosozialen Implikationen von Gentests. Schließlich wurde die Studie vom AOK-Bundesverband mit einer vorwärts gerichteten Frageperspektive in Auftrag gegeben: Inwiefern könnte die zunehmende Bedeutung genetischer Risikokalkulationen zu einer „Aushöhlung des Solidaritätsprinzips“ führen? Der Hauptteil der Arbeit konzentriert sich allerdings auf eine Bestandsaufnahme. Mehrere gut strukturierte und - trotz gesellschaftstheoretischer Fundierung - gut lesbare Kapitel spiegeln den Stand der wissenschaftlichen Diskussion wider. Sie behandeln: die aktuellen diagnostischen Möglichkeiten und den Status genetischer Informationen; psychosoziale Folgen prädiktiver Gentests (mit drei Fallbeispielen); Veränderungen im Verständnis von Krankheit; neue Prozesse der Vergemeinschaftung (Stichwort Selbsthilfegruppen) und neue Konsummuster (Stichwort Lifestyle-Gentests); neue Konzepte einer „genetischen Verantwortung“. Wichtig ist den AutorInnen, nicht vorschnell zu verallgemeinern und Trends der „Genetifizierung“ eher beschreibend zu analysieren, statt allgemein kritisch oder befürwortend Position zu beziehen. Die LeserInnen bekommen ein Koordinatensystem geliefert, innerhalb welcher gegenläufigen Tendenzen, Spannungsmomente oder auch Parodoxien sich eine Analyse gendiagnostischer Trends orientieren sollte. So haben wir es bei prädiktiven Gentests sowohl mit dem Prinzip individueller Autonomie und Entscheidungskompetenz zu tun als auch mit neuen Pflichten, einem neuen Verantwortungsethos. Oder: Gentests können sowohl mit aktivierenden Appellen einhergehen, den Lebensstil zur Minimierung der diagnostizierten Risiken zu verändern, als auch mit schicksalshaften Vorhersagen. Das letzte Kapitel, das sich schließlich der Prognose gesellschaftlicher Trends widmet, bleibt diesem Prinzip ebenso gerechnet und nennt vor allem die Koordinaten, die für die mögliche Entwicklung verschiedener Szenarien relevant sind. Es vermeidet insofern die Wahrsagerei, gewichtet aber - mal entschiedener, mal sehr vorsichtig - bestimmte Tendenzen als wahrscheinlicher als andere. Eine wichtige Aussage ist: Die AutorInnen halten ein „konservatives Szenario“ für unwahrscheinlicher als ein „liberales“. Ersteres meint ein zukünftig eher begrenztes Angebot von prädiktiven Gentests im Rahmen von Arztbindung, Beratung und Qualitätssicherung. Hier wäre Bedingung, dass Gentests einen klinischen (präventiven oder therapeutischen) Nutzen nach sich ziehen müssen. Das liberale Szenario geht davon aus, dass der Markt den Ton angibt. Dann hinge die Zukunft prädiktiver Gendiagnostik von folgenden Determinanten ab: der Resonanz von Gentests in den Medien, den anvisierten Einspareffekten im Gesundheitswesen, den Trends der Kommerzialisierung, der Normalisierung von Gentests (Kollek und Lemke weisen auf die Vorreiter DNA in der Forensik, Pränataldiagnostik und bei Vaterschaftstests hin) und den technischen Innovationen, die die Tests schneller und billiger machen können. Nichtdestotrotz machen die AutorInnen auch hier geltend: Wie sich all diese Determinanten entwickeln, ist nicht gewiss - besonders nicht in der Zukunft. Susanne Schultz

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
192
vom März 2009
Seite 47

Nur durch Spenden ermöglicht!

Einige Artikel unserer Zeitschrift sowie unsere Online-Artikel sind sofort für alle kostenlos lesbar. Die intensive Recherche, das Schreiben eigener Artikel und das Redigieren der Artikel externer Autor*innen nehmen viel Zeit in Anspruch. Bitte tragen Sie durch Ihre Spende dazu bei, dass wir unsere vielen digitalen Leser*innen auch in Zukunft aktuell und kritisch über wichtige Entwicklungen im Bereich Biotechnologie informieren können.

Ja, ich spende!  Nein, diesmal nicht