Tanz ums Gen
Genetik als Diskurstechnologie
Linke Positionen gegen Humangenetik sind oftmals zerrissen zwischen der Kritik an der Wirkmächtigkeit der Humangenetik einerseits und der Infragestellung ihres Wahrheitsanspruchs andererseits. Insbesondere linke BasisaktivistInnen neigen dabei zur Reproduktion technologischer Mythen.
Wissenschaft ist heute ein hochgradig industrialisierter, arbeitsteiliger Prozess. ‚Den Wissenschaftler’ gibt es nicht, selbstbestimmte, eigenständige Forschung ist ein Mythos. WissenschaftlerInnen befinden sich heute eher in einer Situation, die vergleichbar ist mit der von Scheinselbstständigen. Sie müssen sich permanent unter extremen Abhängigkeitsbedingungen vermarkten. In Deutschland zielt Forschungs- und Wissenschaftspolitik seit den frühen 1980er Jahren auf den Anschluss universitärer Forschung an Interessen von Konzernen. So wird die Vergabe staatlicher Förderung seit langem von der Einwerbung von Drittmitteln aus der Industrie abhängig gemacht, insbesondere in kostenintensiven Forschungsbereichen wie der Genetik. Damit richtet sich Forschung nicht nur inhaltlich zunehmend an Interessen potentieller Auftraggeber aus der Wirtschaft aus, etwa um Anschlussaufträge zu akquirieren. Wissenschaftliche Aussagen reproduzieren auch immer stärker das Denken der Eliten. Die ‚Wahrheiten’ der neoliberalen Ideologie oder des Präventionsparadigmas im Gesundheitsbereich werden auf diese Weise hegemonial. Diesen Zustand enger Verflochtenheit wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Eliten zeigt ein Beispiel aus der Drosophilaforschung: Eine Forschungsgruppe untersucht das Verhalten von Fruchtfliegen, den Futtertopf zu wechseln. Eine statistische Kopplung zwischen diesem Verhalten und einer Gensequenz wird festgestellt. Um dieses Ergebnis besser zu vermarkten, wird es unter dem Aufmacher „Gensequenz für Defizitaufmerksamkeits-Syndrom (ADHD)“ publiziert. Es ist zwar nicht genau bestimmt, was ADHD bei einer Fruchtfliege sein soll. Dennoch verschiebt diese wissenschaftsökonomische Praxis die Definition von ADHD, denn für die Akquirierung weiterer Finanzmittel ist dieses Vorgehen vielversprechend. Ähnliches lässt sich zum Stichwort Biopiraterie sagen: Auf Grund hochgradig fragwürdiger Kurzschlüsse werden Patente erteilt, die allein auf Grund ihrer juristischen Wirkung bereits Monopole und Gewinne sichern. Die Genetik wird zum Mittel juristischer ‚Wahrheits’-Setzung. Sie ist daher in erheblichem Maß eine Diskurstechnologie, um bestimmte ‚Wahrheiten’ im Interesse der Auftraggeber durchzusetzen – kurz: ein hybrides Gebilde zur Herstellung sozialer Ordnung.
Naturwissenschaftlicher Größenwahn und Angstphantasien
KritikerInnen müssten deshalb den religiösen Wahncharakter des Glaubens an die Allmacht der Gene herausstellen. Linke BasisaktivistInnen bekräftigen aber oft noch den naturwissenschaftlichen Größenwahn, indem sie ihm Angstphantasien entgegensetzen. In der Gentechnikkritik ist das zwar zum Teil inzwischen begriffen worden, die gleichen Fehler feiern allerdings zur Zeit ihre Wiederauferstehung im Kontext der Debatten um Neurobiologie und Nanotechnologie. Eine Kritik auf der Basis von Bedrohungsszenarien reproduziert aber ideologische Setzungen und bedient damit die Interessen, die dazu geführt haben. Wer Züchtungsphantasien von ‚Übermenschen’ oder die Gefahr einer genetischen Ausrottung von Normabweichungen ernsthaft diskutiert, tanzt mit ums Gen. Die Gefahr liegt jedoch nicht so sehr in der Technologie, sondern in deren diskursiver Wirkung: Die besteht unter anderem darin, dass Normabweichung und Krankheit gesellschaftlich ausgegrenzt und dieser Ausschluss durch individuelle Schuldzuweisung ebenso legitimiert wird wie selbstreferentielle ‚Elite’-Einrichtungen, die die Abweichungen ‚wissenschaftlich erklären’. Deshalb gilt es, sowohl die Unterordnung des Wissenschaftsbetriebs unter ökonomische Logiken zu kritisieren wie die im Wissenschaftsbetrieb produzierten ‚Wahrheiten’ zu hinterfragen.
Literaturhinweis: Bruno Latour: Der Biologe als wilder Kapitalist. Karrierestrategien im internationalen Wissenschaftsbetrieb, in: Ders.: Der Berliner Schlüssel, Berlin 1996: S. 113ff.
Jörg Djuren ist Mitbegründer der Gruppe HalluziNoGene.