Im Subtilen liegt das Problem

Forschen in postkolonialen und posteugenischen Kontexten

Kritische Wissenschaft heißt, den Blick für kleinteilige Nachwirkungen von Rassismus und Entmenschlichung zu schärfen. Ein Blick in die Geschichte des Kaiser-Wilhelm-Institutes in Berlin-Dahlem zeigt, dass nicht nur dessen NS-Vergangenheit problematisch ist.

Zwischen den Regalen

Klassische Bibliotheken voller Bücher sind gerade aus den Universitäten nicht wegzudenken. Foto: we play endlessly (CC BY-ND 2.0)

Anfang 2015 hagelte es Kritik gegen die Freie Universität Berlin (FU), als bekannt wurde, dass im Vorjahr bei Sanierungsarbeiten nahe der Universitätsbibliothek Reste menschlicher Knochen gefunden worden waren. Zwar waren sie nach Meldung bei der Polizei gerichtsmedizinisch untersucht worden und es wurde festgestellt, dass es sich um die Überreste von mindestens 15 Personen unterschiedlichen Alters handelte. Die Knochen waren dann aber eingeäschert und anonym bestattet worden, ohne dass weitere Nachforschungen zur Herkunft oder zum historischen Kontext der Toten eingeleitet wurden. Das provozierte Verwunderung und Entrüstung, weil sich die Knochen auf dem Gelände befanden, das zwischen 1927 und 1945 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A) war. Die Forschungen des KWI-A waren eng mit den Verbrechen des Nationalsozialismus verschränkt. Angesichts dieses historischen Kontextes wäre eine eingehende Untersuchung der Funde geboten gewesen, lautete die Kritik.1

Die FU reagierte. Unter anderem veranlasste sie die archäologische Begleitung weiterer Bodeneingriffe sowie archäologische Grabungen auf dem Gelände. Bei den 2015 und 2016 durchgeführten Arbeiten wurden erneut tierische und menschliche Knochen gefunden, die derzeit noch untersucht werden. Auf Initiative von Studierenden bewilligte der damalige Präsident der FU, Peter-André Alt, zudem Mittel, um eine Stelle einzurichten, die einen Prozess der Auseinandersetzung um die Geschichte des KWI-A am historischen Ort anschieben soll. Seit Januar 2019 habe ich diese Stelle inne. Die Verbindungen des KWI-A mit den Verbrechen des Nationalsozialismus sichtbar zu machen, ist eine wichtige Aufgabe dieser Stelle. Eine Herausforderung ist zugleich, dafür zu sensibilisieren, dass die Forschungen des KWI-A auch in Fällen, in denen sie nicht unmittelbar mit Verbrechen verbunden waren, zu einem großen Teil problematisch waren, und eine Reflexion über die Nachwirkungen dieser Geschichte und ihrer Problematiken anzuregen. Ein Ausgangspunkt für eine solche Auseinandersetzung können die Knochenfunde auf dem Gelände des KWI-A sein.

Das Kaiser-Wilhelm-Institut

Die Geschichte des KWI-A, das in der Weimarer Republik und während der nationalsozialistischen Herrschaft die renommierteste humangenetische Forschungseinrichtung Deutschlands war, ist bereits durch umfangreiche Forschung rekonstruiert worden.2 Hier wurde an der Frage geforscht, auf welche Weise menschliche Merkmale, spezifische Verhaltensmuster, aber auch Krankheiten vererbt werden. Das Institut unterhielt Verbindungen zum Konzentrationslager Auschwitz, aus dem der Lagerarzt Josef Mengele mehrere hundert Blutproben sowie Augen von ermordeten Internierten an das Institut schickte, und war an der Vorbereitung und Durchsetzung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ beteiligt, das Zwangssterilisierungen von Menschen mit vermeintlichen Behinderungen legalisierte. Die am KWI-A durchgeführten Forschungen waren allerdings bereits vor ihrer Verschränkung mit den Zielen des NS-Staats problematisch, eugenisch und rassistisch.

Welcher Umgang mit den Knochen?

Ziel der noch laufenden Untersuchungen an den erneuten Knochenfunden von 2015/16 ist es unter anderem, Aussagen über Alter, Geschlecht und Pathologien der Toten machen zu können.3 Für die Untersuchungen wurden bewusst nicht-invasive Methoden ausgewählt, also solche, die keine Eingriffe in das Knochenmaterial vorsehen. Dies schließt auch die Extraktion von DNA aus. Die Leiterin der Untersuchungen, Susan Pollock, Professorin am Institut für Vorderasiatische Archäologie der FU, will die einstigen potenziellen Opfer rassistischer Forschungen nicht Untersuchungsmethoden unterziehen, die jenen ähneln, die sie bereits zu Lebzeiten über sich ergehen lassen mussten.4 In Absprache mit relevanten Opferverbänden könnten aber später invasive Techniken zur Identifizierung der Toten verwendet werden.5

Inwiefern würden solche Untersuchungen eine problematische Kontinuität mit Forschungstechniken des KWI-A bedeuten? Tatsächlich verbanden sich viele der Forschungen am KWI-A mit der Frage, wie Erbanlagen und Herkunft oder äußere Erscheinung zusammenhängen. Der Gründungsdirektor des KWI-A, Eugen Fischer, wollte mit seinem „Anthropobiologie“ genannten Ansatz für die „phänotypische“ Vielfalt beim Menschen, also für Unterschiede in Haut-, Haar- und Augenfarben, genetische Grundlagen finden und anthropometrische Methoden, also die Vermessung menschlicher Körper und Skelette, mit Fragen und Methoden der „Erblehre“, also der Humangenetik, verbinden.

Die Idee der „Anthropobiologie“ hatte Fischer mit seinem 1913 veröffentlichen Buch „Die Rehobother Bastards und das Bastardisierungsproblem beim Menschen“ begründet. Dafür hatte er im heutigen Namibia und damaligen Deutsch-Südwest-Afrika rund 300 Nachfahr*innen von Weißen und Nama körperlich untersucht, vermessen und fotografiert. Fischer wollte mit seinem Buch nachgewiesen haben, dass Merkmale, die beim Menschen als spezifisch für ihre „Rasse“ gelten, nach den Regeln der Mendelschen Gesetze vererbt werden. Diese Annahme ist heute klar widerlegt.6 Aber viele Forschungsprojekte am Institut folgten diesem Paradigma.7

Nach 1945 galt das mit diesen Forschungen verbundene Paradigma der „Rasse“ aufgrund ihrer Verschränkung mit nationalsozialistischen Verbrechen als diskreditiert. Als Weg zum Beforschen menschlicher Diversität jenseits von Rassenideologien entwarfen Humangenetiker*innen Konzepte wie das der „Populationsgenetik“. Die Behauptung eines Bruchs nach 1945 überdeckt allerdings die vielen Kontinuitäten: auch Forschungsprojekte ab 1950 hielten die Annahme früherer „Rassenforschung“ aufrecht, dass genetisch homogene Bevölkerungsgruppen existierten, die Ergebnis eines Prozesses „genetischer Isolation“ seien.8

Was würde es bedeuten, wenn man sich heute entschiede, zur Identifizierung potenzieller Opfer eugenischer Forschung Techniken zu verwenden, die Gene und Herkunft in eine enge Verbindung miteinander bringen? Inwiefern ist das ethisch problematisch? Inwiefern böten solche Untersuchungen aber auch das Potenzial, im Sinne von „counter forensics“ 9 Gerechtigkeit herzustellen? Idealerweise verbindet sich das Sichtbarmachen der Geschichte des KWI-A mit einer Reflexion über solche Ambivalenzen.

  • 1. Kühne, Anja (27.1.2015): Zu wenig kommuniziert. Online: www.tagesspiegel.de oder www.kurzlink.de/gid250_n [letzter Zugriff: 16.7.2019].
  • 2. Sachse, Carola; Massin, Benoit (2000): Biowissenschaftliche Forschung an Kaiser-Wilhelm-Instituten und die Verbrechen des NS-Regimes. Informationen über den gegenwärtigen Wissensstand. Berlin: Max-Planck-Gesellschaft; Schmuhl, Hans Walter (2005): Grenzüberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik, 1927-1945. Göttingen: Wallstein.
  • 3. Pollock, Susan und Cyrus, Georg (2018): Skelettreste unklarer Herkunft. Untersuchungen in Berlin-Dahlem. In: Archäologie in Berlin und Brandenburg 2016, S.142.
  • 4. Pollock, Susan (2016): The Subject of Suffering. In: American Anthropologist, 118/4, S.734.
  • 5. Pollock/Cyrus (2018), S.142.
  • 6. Weiss, Sheila (2004): Humangenetik und Politik als wechselseitige Ressourcen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik im „Dritten Reich“. Berlin: Max-Planck-Gesellschaft, S.11-16.
  • 7. Massin, Benoit (2003): Rasse und Vererbung als Beruf. Die Hauptforschungsrichtungen am Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik im Nationalsozialismus. In: Hans-Walter Schmuhl (Hg.): Rassenforschung an Kaiser-Wilhelm-Instituten vor und nach 1933. Göttingen: Wallstein, S.205-214.
  • 8. Lipphardt, Veronika (2012): Isolates and Crosses in Human Population Genetics; or, A Contextualitation of German Race Science. In: Current Anthropology 53/5, S.S69-S82.
  • 9. Keenan, Thomas (2014): Counter-forensics and Photography. In: Grey Room 55, S.58-77.

Manuela Bauche ist Historikerin am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
250
vom August 2019
Seite 11 - 12

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