Alles und nichts

Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) hat einen Gentechnologiebericht (GenTB) vorlegt. In ausgewählten Bereichen wird die Situation dieser Technologie beschrieben. Ein Indikatorenmodell soll helfen, in regelmäßigen Abständen und mit unterschiedlichen Schwerpunkten eine Entwicklung nachzuzeichnen. Alles streng wissenschaftlich.

Mit 580 Seiten hat die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW), respektive deren interdisziplinäre Arbeitsgruppe Gentechnologiebericht, einen dicken Band über den wohl aktuell umstrittensten Technologiebereich in Deutschland veröffentlicht. Im Folgenden erste Eindrücke über das Kompendium und seine Anliegen.

Grund, sich zu wundern

Gleich zu Beginn gibt es Grund sich zu wundern: Die Autorinnen und Autoren schreiben zwar Gentechnologie sei "die Anwendung von rekombinanten DNA-Techniken". Es macht sicher Sinn, zu beschreiben, was Gegenstand der Analyse sein soll. Im Verlauf der Publikation wird aber deutlich, dass sie diese klare Definition nicht durchhalten. Zum Beispiel: "Kaum ein Thema steht mehr im Blickfeld der Politik, kaum ein Gesichtspunkt der Gentechnologie erweckt so viele Hoffnungen für unser materielles Wohlergehen. Ein erster Blick zeigt jedoch, dass die unkritische Betrachtung von Wirtschaftsdaten in die Irre führt: Politik und Presse verkünden, die deutsche Biotechnologie-Branche habe ihren Spitzenplatz in Europa weiter ausgebaut. Im Jahr 2001 beispielsweise erhöhte sich die Zahl der Unternehmen von 332 auf 365, die Zahl der Arbeisplätze stieg um 35 Prozent, der Umsatz um ein Drittel: Die Gentechnologie als Boombranche? Die absoluten Zahlen sind ernüchternd (... drei Zeilen weiter ...) 365 Neugründungen sind bei mehr als 40.000 Insolvenzen pro Jahr eine vernachlässigbare Größe. Der umgekehrte Schluss - Gentechnologie sei eine bedeutungslose Nischentechnologie - wäre allerdings ebenso unsinnig. Die Gentechnologie als Querschnitts- und Plattformtechnologie ist (in schwer abschätzbarem Maß) wirtschaftlich bedeutender (... nächste Zeile ...) Auch hier diktiert die Themenwahl des Berichtskapitels: Der Fokus richtet sich auf die biotechnologischen Neugründungen, die zwar Hoffnungsträger, aber eben doch nur ein kleines Segment der relevanten Industrie sind." (S. 16 - Hervorhebungen durch den Autor) Für geneigte LeserInnen stellt sich notwendigerweise die Frage, warum dem so ist. Da die AutorInnen, wie sich in dem zuvor zitierten Versuch einer Definition zeigt, nicht grundsätzlich einer Klärung abgeneigt zu sein scheinen, liegt die Vermutung nahe, dass die BBAW selbst zum Opfer einer veritablen Begriffsverwirrung von Biotechnologie und Gentechnologie geworden ist, die in einer Vielzahl von in der Vergangenheit veröffentlichten Berichten vorherrscht. Von den WissenschaftlerInnen der BBAW muss allerdings erwartet werden können, dass sie dies thematisieren, oder einen klaren Ansatz in der Sache anbieten. Es sei denn - ein Schelm, wer Böses dabei denkt - die AutorInnen sind gewissermaßen froh darüber, dass dies so ist: Gentechnologie ist alles und nichts. Denn damit wird auch eine systematische Kritik derselben schwieriger.

Vier thematische Kapitel

Der Bericht teilt sich in vier thematische Kapitel, "die jeweils aus dem Blickwinkel einer Reihe von Querschnittsdimensionen betrachtet werden." Folgende Kapitel sind zu finden: I. Berichtskapitel "Grundlagenforschung am Fallbeispiel Genomforschung". II. Berichtskapitel "Anwendung in der Medizin am Fallbeispiel molekulargenetischer Diagnostik". III. Berichtskapitel "Anwendung in der Agrarwirtschaft am Fallbeispiel Pflanzenzüchtung". IV. Berichtskapitel "Ökonomische Bedeutung am Fallbeispiel Biotech-Start-ups". Diese Themen werden selbstredend nur in bestimmten, wie die AutorInnen des Berichtes schreiben, begründbaren Teilaspekten dargestellt.

Der Bericht soll...

Der Bericht ist als langfristiges Observatorium gedacht, das heißt er soll im Zweijahres-Rhythmus erscheinen und jeweils verschiedene Schwerpunkte bearbeiten, aber auch die kontinuierliche Entwicklung der Gentechnologie darstellen. Er wird in gedruckter Form herausgegeben, die um eine so genannte Metadatenbank ergänzt wird. In dieser sollen weitgehend alle weltweit verfügbaren Datenbanken zusammenführt werden.1 Laut BBAW ist dieser erste Gentechnologiebericht als eine "vertrauensbildende Maßnahme" gedacht. Er soll ein Monitoringprojekt sein, wobei Monitoring, nach dem Willen der AutorInnen, nicht "interessengebundene Aufsicht über eine relevante Entwicklung bedeuten" soll, sondern vielmehr "ein Werkzeug zur Transparenz" darstellt. (S. 11) Im Weiteren sehen sie als die Aufgabe des Berichts, "zu den Entwicklungen in der Gentechnologie und zu deren Implikationen in wissenschaftlicher, ökonomischer, ökologischer, ethischer, politischer und gesellschaftlicher Hinsicht Stellung zu nehmen. (...) Die besondere Aufgabe des Gentechnologieberichts besteht deshalb gerade darin, das komplexe Problemfeld "Gentechnologie" (...) in einer messbaren und repräsentativen Form für den fachlich vorgebildeten Laien aufzuschließen." (S. 17) Nach Ansicht der AutorInnen fehlt es "[u]nserem Land an Streitkultur, die bei neuen und kontroversen Themen eine Einigung über ideologische Prtikularinteressen hinweg ermöglicht". Aus diesem Grund lege die BBAW "ein Instrument vor, das zur Versachlichung der Diskussion beitragen möchte." Ist dieses Anliegen der AutorInnen zu begrüßen, so verwundert es doch, dass sie sich im selben Atemzug darüber beklagen, dass "[d]er medizinische Bereich (...) sich über weite Strecken durch eine ausufernde ethische Diskussion" blockiert. (S. 17)

Die AutorInnen des Berichtes

Was veranlasst die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften zu diesem Bericht? - Das ist eine von zwei Fragen, die sich die AutorInnen zu Beginn der Veröffentlichungstellen und auf die sie selbstredend eine plausible Antwort geben konnten (sonst wäre der Band jetzt nicht so,wie er ist...): "Die Beobachter sollten selbst nicht einseitig interessierte Partei sein. (...) Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (...) vertritt in der Summe ihrer Mitglieder keine Partikularinteressen, zumindest nicht über deren Interesse als Wissenschaftler hinaus." In diesem Zusammenhang ist es aufschlusssreich, die Liste der Autorinnen und Autoren des Berichtes und die der Mitglieder der Arbeitsgruppe Gentechnologiebericht zu studieren. Darin finden sich explizite Befürworter der Technologie, so zu Beispiel die Potsdamer Professoren Bernd Müller-Röber und Lothar Willmitzer oder der Leiter der Gentechnik-Abteilung des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, Hans-Jörg Buhk. Mit von der Partie ist auch der Soziologieprofessor Wolfgang von den Daele vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), unter dessen Leitung Anfang der 1990er Jahre ein heftig kritisiertes Diskursprojekt zur Technikfolgenabschätzung des Anbaus Herbizid-resistenter Pflanzen von BefürworterInnen und KritikerInnen scheiterte. Insofern ist eine gesunde Skepsis beim Lesen des Berichtes ist sicher angebracht. Zu guter Letzt sei noch angemerkt, dass der Bericht, obwohl weitestgehend mit Mitteln der öffentlichen Hand erstellt, 59 Euro kostet, was nicht gerade als Einladung zum Lesen verstanden werden kann. Ein Werkzeug der Transparenz dieser Art sollte kostenlos im Netz und gegen eine geringe Schutzgebühr gedruckt verfügbar sein.

"Gentechnologiebericht - Analyse einer Hochtechnologie in Deutschland" F. Hucho, K. Brockhoff, W. van den Daele, K. Köchy, J. Reich, H.-J. Rheinberger, B. Müller-Röber, K. Sperling, A. M. Wobus, M. Boysen und M. Kölsch. Forschungsberichte der Interdisziplinären Arbeitsgruppen. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, 2005. Elsevier Spektrum, Akademischer Verlag, 579 Seiten, gebunden, 59 Euro, ISBN 3-8274-1675-2.

Christof Potthof war bis Ende April 2020 Mitarbeiter im GeN und Redakteur des GID.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
172
vom Oktober 2005
Seite 47 - 48

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