Genfood: Was isst die Kirche?

Dass die Frage nach dem Status des Embryos in der Biomedizin Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Kirchen verursacht, ist bekannt. Doch auch ein anderes Gebiet der Biotechnologie provoziert Ärger: Die Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen (GVOs) in der Landwirtschaft bereitet Vertretern der beiden großen christlichen Konfessionen Kopfzerbrechen und sorgt für Kontroversen.

Während die Kirche lange Zeit „generell“ skeptisch gegenüber aller Gen-Forschung war, bildet sich jetzt vor allem in der katholischen Kirche eine Pro – Grüne – Gentechnik – Fraktion, die den Anbau von GVOs befürwortet, in erster Linie deshalb, weil sie darin die Lösung des Welthunger-Problems sieht. Diese Haltung ist neu im Vatikan: Noch vor drei Jahren, im November 2000, sprach sich Papst Johannes Paul II persönlich gegen die Freisetzung von GVOs aus. Bei einer Messe, an der etwa 50.000 Landwirte teilnahmen, sagte der Papst, die Anwendung gentechnisch veränderter Pflanzen zur Ertragssteigerung widerspräche dem Willen Gottes. Er mahnte die Bauern, „der Versuchung zu widerstehen, höhere Produktivität und Profite zu erzielen, die dem Respekt vor der Natur widersprechen.“(1)

Genfood oder Gras

Gegen Ende vergangenen Jahres stellte sich die weltweit höchste Instanz der Katholiken der Frage nach dem Nutzen der sogenannten grünen Gentechnik: Im Vatikan wurde am 11. November eine Konferenz mit dem Titel „ GMOs: Threat or Hope?“ (2) abgehalten, zu der Vertreter der Wirtschaft, Wissenschaft, des Handels und von Bauernorganisationen sowie Funktionäre der Vereinten Nationen geladen waren. Organisator war der „Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden“, der sich bemüht, den Frieden in der Welt gemäß dem Evangelium und der Soziallehre der Kirche zu fördern. Dessen Präsident, Kardinal Renato Raffaele Martino, gilt als Befürworter der Agro-Gentechnik und sprach sich auch bei der Konferenz für den Einsatz von GVOs zur Unterstützung der Lösung des Welthunger-Problems aus, die er als vorrangiges Ziel des Vatikans bezeichnete. Auch ohne Langzeitstudien zur Auswirkung von Genfood auf den menschlichen Organismus hält er den Anbau von GVOs in Entwicklungsländern für ethisch vertretbar, denn es sei „besser für die Menschen Genfood zu essen als Gras,“ wie er ein Jahr zuvor sagte.(3) Er selbst habe 16 Jahre in den USA gelebt und dort genmanipulierte Lebensmittel gegessen, ohne daran Schaden zu nehmen. Unter anderem aus diesem Grund hält er die gesamte Debatte in erster Linie für eher politisch als wissenschaftlich. Dr. Margaret Mellon, eine Leiterin der amerikanischen „Union of Concerned Scientists“, nahm zu diesem Argument Martinos Stellung und erklärte, dass man durchaus wisse, dass „die Menschen nicht reihenweise tot umfallen, wenn sie gentechnisch veränderte Lebensmittel zu sich genommen haben“. Sie betonte, dass dies aber keine Basis für die allumfassende Schlussfolgerung sei, dass GVOs gesundheitlich unbedenklich seien.(4)

Moralisch bedenklich?

Martinos positive Haltung gegenüber der grünen Gentechnik ist innerhalb der katholischen Kirche keine Seltenheit mehr. Bischof Elio Sgreccia, Vizepräsident der „Päpstlichen Akademie für das Leben“, zeigt sich äußerst beeindruckt vom sogenannten „Goldenen Reis“, der durch Genmanipulation mehr Vitamin A als herkömmlicher Reis enthält. Die „Päpstliche Akademie für das Leben“ sieht ihre Aufgabe nach eigenen Angaben in der Untersuchung der grundlegenden Probleme der Biomedizin und in der Förderung und Verteidigung des Lebens nach den Maßstäben christlicher Moral. Die grundsätzliche Frage, ob es moralisch nicht bedenklich sei, die Natur – aus christlicher Sicht somit einen Teil von Gottes Schöpfung – zum eigenen Vorteil zu verändern, beantwortete Sgreccia, der als Bioethik-Experte des Vatikans gilt, auf einer Konferenz zu ethischen Gesichtspunkten und zur Anwendbarkeit von GVOs auf den Phillippinen 2002 damit, dass man zwischen Genmanipulation am Menschen und der an Flora und Fauna unterscheiden müsse: Letztere werde damit gerechtfertigt, dass sie „zum Vorteil der Menschen“ sei und Gott Tiere und Pflanzen erschaffen habe, um den Menschen zu dienen.(5) In der Katholischen Kirche Deutschlands herrscht Unstimmigkeit. Bischöfe wie Joachim Kardinal Meisner und Nikolaus Schwerdtfeger sowie der Moraltheologe Johannes Ritter, seines Zeichens Mitglied der Enquetekommission „Ethik und Recht in der modernen Medizin“, unterstützen die Theorie von der grünen Gentechnik als Lösung für das Welthungerproblem. Man solle, so Ritter, „die Augen vor der Grünen Gentechnik nicht verschließen.“(6)

Welthungerproblem nur ein Vorwand

Man findet in Deutschland aber auch andere kirchliche Positionen. Ende 2003 veröffentlichten die Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der evangelischen Kirchen in Deutschland (AGU), die Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der deutschen Diözesen, der Ausschuss für den Dienst auf dem Lande in der Evangelischen Kirche in Deutschland (ADL) und die Katholische Landvolkbewegung (KLB) ein gemeinsames Positionspapier mit dem Titel „Ungelöste Fragen – Uneingelöste Versprechen“. Dieses beinhaltet zehn Argumente gegen die Nutzung von gentechnisch veränderten Pflanzen in Landwirtschaft und Ernährung. Den Anlass zur gemeinsamen Stellungnahme bot die bevorstehende Zulassung von GVOs in der europäischen Landwirtschaft. Die kirchlichen Organisationen machen unter anderem auf die gesundheitlichen Risiken und die Gefahr für den Erhalt der Biodiversität aufmerksam. Und sie räumen auf mit dem „Mythos von der Beseitigung des Hungers in der Welt“: Durch die Monopolisierung der Gentechnikforschung und –entwicklung in den Händen weniger nordamerikanischer und europäischer Großkonzerne, so die Verfasser, komme die Anwendung der grünen Gentechnik in erster Linie den Betreibern kommerzieller Landwirtschaft in den gemäßigten Breiten zu Gute. „Unter- und Mangelernährung sind kein Mengen-, sondern ein Macht- und Verteilungsproblem. In der Welt werden nicht zu wenig Lebensmittel produziert, sondern es gibt gravierende Defizite bei den Zugängen zur und der Verteilung von Nahrung,“ heißt es abschließend in dem Papier. Zum ethischen Gesichtspunkt der Anwendbarkeit der grünen Gentechnik schreiben die Kirchenvertreter: „Die Ehrfurcht vor dem von Gott geschaffenen Leben hat Vorrang vor dem technisch Machbaren!“(7) Innerhalb der Evangelischen Kirche Deutschlands stößt man häufig auf Widerstand gegen die Risikotechnologie. Viele Landeskirchen sprechen deshalb an Pächter von Kirchenland die Empfehlung aus, auch in Zukunft gentechnikfrei anzubauen. Und bereits 2002 hieß es im Abschlussbericht der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur „Diskursrunde zur Grünen Gentechnik“, die das Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL) veranstaltet hatte, dass die Schöpfung nicht patentierbar und die ökonomische Aneignung der Natur durch GVOs aus ethischer Sicht unvereinbar mit Gottes Schöpfung sei.(8) Auch die kirchlichen Hilfswerke sowohl der Katholiken als auch der Protestanten beziehen klar Stellung gegen die Anwendung von Gentechnik in der Landwirtschaft. „Brot für die Welt“ (evangelisch) und Misereor (katholisch) erklärten am 23.10.2003 gemeinsam mit dem Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), die Genmanipulation pflanzlicher Organismen sei keine Lösung für das Welthungerproblem. Anlass war ein Antrag der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag auf Förderung der Gentechnologie zur Sicherung der Welternährung. Die drei Organisationen äußerten die Sorge, dass das Welthungerproblem hier als Vorwand genommen werde, um die Gentechnik in Europa zu fördern. In ihrer Stellungnahme weisen sie darauf hin, dass in Ländern, die bereits Gentechnik in der Landwirtschaft eingeführt hätten und gentechnisch veränderte Lebensmittel exportieren, zum Beispiel in Indien und Argentinien, nach wie vor Hunger herrsche, da der Großteil der (armen) Bevölkerung nicht davon profitiere. Die Grüne Gentechnik, befürchten MISEREOR, „Brot für die Welt“ und BÖLW, steigere lediglich die Abhängigkeit der Kleinbauern von Saatgutherstellern und Patentinhabern.(9)

Von den Saatgutkonzernen überrollt

Das Kolpingwerk Deutschland, einer der größten katholischen Sozialverbände Deutschlands, hält die Nebenwirkungen der grünen Gentechnik ebenfalls für zu hoch. In einem Eckwertepapier vom März 2004 heißt es zu diesem Thema: „Der Nutzen einer gentechnischen Veränderung von Pflanzen und Tieren ist oftmals wesentlich kleiner als öffentlich dargestellt.“ Darüber hinaus äußert das Kolpingwerk die Befürchtung, dass auf Grund von unzureichenden Vorschriften und Druck von Gentech-Firmen sich GVOs ungebremst ausbreiten könnten und es in relativ kurzer Zeit keine Gentechnik-freien Pflanzen mehr gäbe. Auch die Landwirte, besonders die in Entwicklungsländern, sieht das Kolpingwerk durch die grüne Gentechnik gefährdet: Saatgutfirmen hätten bereits Konzepte entwickelt, nach denen Bauern nicht länger einen Teil der Vorjahresernte zur Saat nutzen könnten, sondern gezwungen wären, Saatgut immer wieder neu zu kaufen.(10) Der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) machte Ende Januar dieses Jahres auf ein weiteres ökonomisches Problem bezüglich der Welternährungsthematik aufmerksam: Der Fall des EU-Moratoriums zum Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen könnte auch in den Entwicklungsländern zu einem „Dammbruch“ bei der Zulassung von GVOs führen, befürchtet Rudolf Buntzel, EED-Beauftragter für Welternährungsfragen. Die Zurückhaltung vieler Länder der „Dritten Welt“ gegenüber der Agro-Gentechnik sei nicht auf Gesundheits- oder Umweltschutzbedenken begründet, sondern auf der Angst, die Exportmärkte in Europa zu verlieren, so Buntzel. Da es fast allen Entwicklungsländern an nationalen Gentechnikgesetzen fehle, würden sie nach Überzeugung des EED im Falle der Einführung der grünen Gentechnik von den großen Saatgut-Konzernen „schlichtweg überrollt“ werden.(11) Es stellt sich auch bei dieser Problematik die schon immer umstrittene Frage, inwieweit die Kirche Stellung nehmen sollte zu aktuellen politischen Debatten. Denn obwohl zumindest in den nördlichen Industriegesellschaften Kirche und Staat mehr oder minder strikt voneinander getrennt sind, ist der kirchliche Einfluss, auch auf die Politik, nicht zu unterschätzen. Das betrifft vor allem vorwiegend katholische Länder der „Dritten Welt“ in Afrika, Lateinamerika und Südostasien. Knapp zwei Milliarden Christen gibt es, etwa ein Drittel der Weltbevölkerung machen sie aus. Circa 1,7 Milliarden davon sind katholisch.(12) Und für einen Großteil letzterer ist das, was der Papst sagt, Gesetz, denn immerhin stellt dieser für gläubige Katholiken den direkten Stellvertreter Gottes auf Erden dar. Das wirft eine weitere Frage auf, deren Beantwortung Probleme bereiten dürfte: Was hält Gott von der Gentechnik?

Quellen:

  1. GENTECH archive, „Pope Expresses Opposition to GMOs“, 15.11.00
  2. „GMOs: Threat or Hope?“ , deutsch: „Gentechnisch veränderte Organismen – Fluch oder Hoffnung?“
  3. news.independent.co.uk, „Vatican looks to GM food as panacea für hungry and burgeoning global population“, 11.11. 03
  4. The Associated Press, „Vatican Steps in on Biotech Foods Debate“, 11.11.03
  5. Crop Biotech Update, „Catholic Church Oks Biotechnology“, 18.10.02
  6. taz, „Gentechnik mit dem Segen des Papstes“, 7.10.03
  7. GID Nr. 161, „Ungelöste Fragen – Uneingelöste Versprechen“, 06.12.03
  8. Dr. Clemens Dirscherl, „Abschluss der Diskursrunde Grüne Gentechnik – Stellungnahme als Vertretung der EKD zur gesellschaftlichen Debatte“, 11.09.02
  9. www.misereor.de, „Agro-Gentechnik keine Lösung für Hunger in Entwicklungsländern“, 23.10.03
  10. www.naturkost.de, „Kolpingwerk gegen Grüne Gentechnik – Nebenwirkungen zu hoch“, 22.03.04
  11. EED-Presse, „Dammbruch bei der Gentechnik befürchtet“, 20.01.04
  12. Statistik: www.adherents.com

Nele Jensch absolviert seit August 2003 ein Freiwilliges Ökologisches Jahr beim Gen-ethischen Netzwerk.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
163
vom April 2004
Seite 43 - 45

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