„Genetisches Phantombild“?

Vortrag und Diskussion am 14.11.2018: Die rechtsmedizinische Forschung arbeitet schon länger an der Vorhersage von Merkmalen von Menschen anhand ihrer DNA, die über eine reine Identitätsfeststellung hinausgeht. Zukünftig soll es Ermittler*innen erlaubt sein, aus der DNA einer unbekannten Person deren Aussehen, ihre vermeintliche „biogeografischen Herkunft“ und ihr Alter vorherzusagen.

Doch nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht sind die Methoden aufgrund ihrer zum Teil unausgereiften Treffsicherheit umstritten. Auch aus antirassistischer und datenschutzrechtlicher Perspektive werden die „Erweiterten DNA-Analysen“ kritisiert.

Vortrag und Diskussion
14.11.2018, 18:30 h

Hörsaal der Hautklinik
Campus Charité Mitte
Rahel-Hirsch-Weg 4
10117 Berlin

Ende 2016 wurden nach zwei Mordfällen an jungen Frauen die Forderungen nach der polizeilichen Verwendung der neuen DNA-Technologien in Deutschland laut. Angestoßen von einer rechten Gruppe, die eine Feststellung der „Rasse“ von Täter*innen anhand von DNA-Spuren forderte, führte eine einseitige mediale Debatte dazu, dass Sicherheitspolitiker*innen schließlich ein „genetisches Phantombild“ versprachen. In Bayern wurden die so genannten Erweiterten DNA-Analysen daraufhin als Maßnahmen zur Gefahrenabwehr in das umstrittene neue Polizeirecht aufgenommen. Laut Koalitionsvertrag soll es der Polizei auch auf Bundesebene bald möglich sein, aus Tatortspuren äußere Merkmale von unbekannten Personen zu bestimmen. Und nicht nur in polizeilichen Ermittlungen spielen Erweiterte DNA-Analysen eine Rolle: Epigenetische Altersbestimmungen wurden 2017 erstmals in einem deutschen Asylverfahren verwendet, um einem Geflüchteten den Minderjährigen-Status abzuerkennen.

Während einige Wissenschaftler*innen daran arbeiten, die Technologie für die Routineanwendung zu entwickeln, stehen andere ihrer Einführung kritischer gegenüber. Nicht zu unrecht, denn wie Anwendungsfälle zeigen, bergen die Analysen ein hohes Diskriminierungspotenzial gegen Minderheiten. Auch antirassistische und Datenschutz-Organisationen sprechen sich daher gegen die Ausweitung polizeilicher DNA-Befugnisse aus.

Über den Stand der Technik und die wissenschaftliche und zivilgesellschaftliche Debatte über Erweiterte DNA-Analysen informiert die Molekularbiologin Isabelle Bartram vom Gen-ethischen Netzwerk in einer gemeinsamen Veranstaltung mit den Kritischen Mediziner*innen Berlin.


Das Gen-ethische Netzwerk arbeitet seit Jahren kritisch zu der polizeilichen DNA-Sammelwut und setzt sich gegen die Einführung der „Erweiterten DNA-Analysen" auf Bundesebene ein.

Die Kritischen Mediziner*innen Berlin verstehen sich als politische Arbeitsgruppe an der Charité, die sich kritisch mit Themen rund um Gesundheitspolitik auseinandersetzt.