Individualisierte Medizin

Schwerpunkt

Die Begriffe „individualisierte“ oder „personalisierte“ Medizin sind im Alltagsverständnis doppelt positiv besetzt: Sie versprechen neue, „maßgeschneiderte“ Behandlungsmöglichkeiten, und sie suggerieren ärztliche Aufmerksamkeit für die Situation der einzelnen Kranken. Die Realität sieht gänzlich anders aus - ein Grund, zu fragen, warum diese Begriffe trotzdem Konjunktur haben.

Impressum

GID 213, August 2012, 28. Jahrgang, ISSN 0935-2481, Redaktion: Theresia Scheierling (ViSdP), Anne Bundschuh, Christof Potthof, Susanne Schultz, Alexander v. Schwerin, Maja Stralucke, Uta Wagenmann, Uwe Wendling

Artikel in dieser Ausgabe

  • Biomarker in der Onkologie

    Wolf-Dieter Ludwig, Gisela Schott

    Ist die Hoffnung begründet, dass Patienten in naher Zukunft eine maßgeschneiderte Therapie erhalten, die anhand von Biomarkern festgelegt wird? Der folgende Beitrag widmet sich dieser Frage anhand einiger Beispiele aus der Krebsmedizin. Die Autoren betonen die Notwendigkeit einer prospektiven Validierung von Biomarkern und warnen davor, ärztliches Handeln allein darauf zu richten, molekulare Krankheitsfaktoren zu erkennen und zu differenzieren.

  • Das Prinzip Monsanto

    Uta Wagenmann

    Der Hype um die personalisierte Medizin entsteht auch, weil pharmazeutische Industrie und Biotechnologiebranche um ihr Ansehen auf den Aktienmärkten bemüht sind. „Companion Diagnostics“ heißt die neue Strategie, mit der verschiedene große und weniger große Player auf dem Arzneimittelmarkt eine gewinnbringende Perspektive zu eröffnen und Anleger und Investoren an sich zu binden suchen. Ein Blick auf ökonomische Hintergründe der individualisierten Medizin und den langen Arm des Marketing.

  • Brückenschläge im Spätkapitalismus

    Uta Wagenmann, Uwe Wernitz

    Wie schon bei der Humangenomforschung vor fünfzehn Jahren wird auch der Hype um die individualisierte Medizin von einer personell und finanziell eng verzahnten Struktur getragen. Das Zusammenspiel von Forschungsinstitutionen, Beratungs- und Lobbyorganisationen und nicht zuletzt pharmazeutischen und biotechnologischen Unternehmen erhellt der folgende Beitrag anhand einiger Schlaglichter.

  • „Unauflösbare Gegensätze“

    Interview mit
    Hardy Müller

    In welchem Verhältnis steht die Logik der „individualisierten“ oder „personalisierten“ Medizin zum System der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV)? Wird die Solidargemeinschaft in der Zukunft - wenn es möglicherweise immer mehr „personalisierte“ Medikamente gibt - die immensen Kosten tragen können, die den Bereich schon jetzt kennzeichnen? Und welche Chancen bietet der Ansatz für die Gesundheitsversorgung?

  • Abstrakte Patienten

    Silja Samerski

    „Personalisierte Medizin“ - der Begriff suggeriert individuelle, ärztliche Zuwendung. Mehr als bisherige medizinische Behandlungsregime basiert der Ansatz aber auf statistischen Konstrukten, auf deren Basis standardisierte Behandlungsentscheidungen gefällt werden. Gestützt wird damit nicht nur die zunehmende Ökonomisierung der Gesundheitsversorgung, sondern auch eine berechnende Medizin.

  • Nachhaltigkeitspreis für die BASF

    Anne Bundschuh

    Ende letzten Jahres rief der Rat für Nachhaltige Entwicklung, der die Bundesregierung in Fragen der Nachhaltigkeit berät, einen Ideenwettbewerb aus. Gewonnen hat eine Arbeitsgruppe der BASF, die eine Methode zur Nachhaltigkeitsmessung in der Landwirtschaft entwickelt hat. Der landwirtschaftliche Experte im Rat war jedoch nicht an der Auswahl beteiligt.

  • Wieder und wieder geprüft

    Christof Potthof

    Die EU-Kommission zögert die Zulassungsverfahren von drei gentechnisch veränderten Maislinien hinaus.

  • Epigenetik als molekulare Bio-Graphie

    Vanessa Lux

    Epigenetik ist das Facebook der heutigen Biowissenschaften. Sie fasst die individuelle Biographie als eine Liste abrufbarer molekularbiologischer Eintragungen auf. Dabei besteht wieder einmal die Gefahr, dass Gesellschaft und Psychisches biologisiert werden.

  • Maskiertes Geschäftsfeld

    Ulrike Baureithel

    Der Göttinger Bestechungsskandal macht einmal mehr die Anfälligkeit der Transplantationsmedizin für Korruption deutlich. Zugleich zeigt die öffentliche Aufregung über den Fall, wie fragil das System der Organspende ist und wie sehr sein Funktionieren davon abhängt, dass dem Versprechen eines gleichen Zugangs für alle vertraut werden kann. Warum Bestechung und Vorteilsnahme auf diesem Feld besonders schwer wiegen und zugleich kaum wegzudenken sind.

  • Wirtschaftsfaktor Organtransplantation

    Richard Fuchs

    Die Berichterstattung in den Medien und die Werbung für die „Organspende“ gehen in der Regel vom humanitären Charakter der Transplantationsmedizin aus. Nur für die meist recht kurze Zeit, in der ein Skandal die Öffentlichkeit beschäftigt, geraten ökonomische Aspekte in den Blick. Eine kurze Übersicht über die Strukturen der Transplantationswirtschaft und die Summen, um die es hier geht.

  • Regierung schlecht beraten

    Andreas Bauer-Panskus, Christoph Then

    Bei einer Prüfung der Mitglieder einer Gentechnik-Kommission des Bundesamtes für Risikobewertung (BfR) auf mögliche Interessenkonflikte wurde die Nichtregierungsorganisation Testbiotech fündig. Reihenweise stehen die Experten in Kontakt mit der Lebensmittelindustrie und ihren Verbänden.

  • EU-Saat: Ein- oder Vielfalt?

    Christof Potthof

    Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat in einem Verfahren, in dem es um das Recht auf Vermarktung von Saatgut für alte Gemüse- und Blumensorten ging, gegen die französische Saatgut-Initiative Kokopelli entschieden.