Saatgut: "X" für ein "U"

In den USA könnte die Hälfte des konventionellen Saatguts von Mais, Raps und Soja gentechnisch verunreinigt sein. Auch in der EU kommen Verunreinigungen vor. Wie das Problem lösen? Die US-Regierung schaut weg, die EU-Kommission nicht richtig hin und Österreich weist den Weg.

In den USA wird gentechfreies Raps-, Soja- und Mais-Saatgut zur Mangelware. Das zeigt eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung der Union of Concerned Scientists (UCS).(1) Die Organisation ließ konventionelle Saatgutposten auf das Vorhandensein fremder, von gentechnisch veränderten Pflanzen stammender DNA, testen. Das Resultat der Analysen: Bei Raps war über 80 Prozent des Saatguts kontaminiert:, bei Mais und Soja enthielt die Hälfte der getesteten Posten Spuren fremder DNA. Je nach Probe waren in den Saatgutposten 0,1 bis 1 Prozent der Raps-, Soja- und Maissamen gentechnisch verändert. Die Quellen der Kontaminationen sind die in den USA großflächig angebauten gentechnisch veränderten Pflanzen von Syngenta, Monsanto und Bayer. Bislang haben die Konzerne das Problem der Verunreinigung konventioneller Samen heruntergespielt. Keine Gefahr, hieß es immer. Nach der Veröffentlichung des UCS-Berichts werden sie das nicht mehr länger sagen können. Auch wenn die Untersuchung nicht repräsentativ ist, so zeigen die Daten doch, dass Kontaminationen viel verbreiteter als erwartet sind. Die Konsequenzen wiegen schwer. Wie die UCS schreibt, gefährden die häufigen Verunreinigungen nicht nur die Lebensmittelsicherheit und die Umwelt, sie untergraben auch die Zukunft des Biolandbaus und erhöhen die Schwierigkeit, gentechfreie Produkte herzustellen.

Suche nach Lösungen

"Die Regierung steckt den Kopf in den Sand und hofft, dass das Phänomen vorbeigehen wird", schreiben die UCS-Wissenschaftlerinnen Jane Rissler und Margaret Mellon. Ihre Untersuchung ist die erste dieser Art in den USA. Dass sich das Problem nicht von allein lösen wird, ist den beiden Wissenschaftler-innen klar. Sie haben denn auch eine Reihe von Empfehlungen aufgestellt, um das Problem anzugehen. Das Landwirtschaftsministerium solle eine umfassende Untersuchung finanzieren, in der das Ausmaß, die Ursachen und die Konsequenzen der Kontaminationen abgeklärt werden. Zudem soll das Ministerium für die wichtigsten Kulturpflanzen ein Reservoir von gentechfreiem Saatgut bilden und zusammen mit PflanzenzüchterInnen und VertreterInnen des Biolandbau Lösungen suchen, um die biologische Landwirtschaft in Zukunft mit sauberen Samen versorgen zu können. Schließlich empfehlen Mellon und Rissler, dass sich alle involvierten Protagonisten, von der Regierung über die Gentech-Konzerne bis hin zu den konventionellen Bauernorganisationen und dem Biolandbau, an einen Tisch setzen und das zukünftige Nebeneinander der verschiedenen Anbauformen diskutieren. Gehen die Protagonisten auf diese Empfehlung ein, könnte in den USA acht Jahre nach dem Start des großflächigen Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen das beginnen, was in der EU bereits vor dem Anbaustart in vollem Gang ist: die Koexistenz-Debatte.

Keine fundierten Daten

Während die US-Regierung den Kopf in den Sand steckt, brütet die EU-Kommission über Richtlinien zum Umgang mit verunreinigtem Saatgut. In den kommenden Wochen dürfte sie über die Schwellenwerte für die Deklaration von Verunreinigungen entscheiden. Der Entscheid wird dabei jedoch nicht auf wissenschaftlich fundierten Daten beruhen. Denn wie in den USA fehlt auch in der EU eine umfassende Untersuchung über das Ausmaß, die Ursachen und die Konsequenzen von kontaminiertem Saatgut. Zwar werden von einigen EU-Mitgliedstaaten Stichprobenkontrollen durchgeführt, aber die Kontrollen zeigen allein, dass zumindest bei Mais und Soja Verunreinigungen regelmäßig vorkommen (siehe Beispiele in Tabelle). Repräsentative Daten jedoch fehlen. So ist zu befürchten, dass die EU-Kommission es bei den bereits im September 2003 vorgeschlagenen Schwellenwerten belässt – 0,3 Prozent bei Raps, 0,5 Prozent bei Mais, Rüben, Kartoffeln und Tomaten sowie 0,7 Prozent für Soja. Nur diese Werte seien praktikabel, lautet die Meinung der Kommission. Setzt sie ihren damaligen Vorschlag um, wird die Koexistenz der verschiedenen Anbauformen kaum möglich sein. Die Saatgutbranche hingegen bleibt davor bewahrt, stringente Maßnahmen treffen zu müssen, um Verunreinigungen zu verhindern.

Zwangsanbau von GVO

Die vorgeschlagenen Werte der EU-Kommission kommen einem Zwangsanbau von gentechnisch veränderten Pflanzen gleich, sagen Umwelt- und Verbraucherverbände. Von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft wurde die Kampagne "Save our Seeds" (2) lanciert. Diese erfreut sich in ganz Europa wachsender Unterstützung, insgesamt haben bisher mehr als dreihundert Organisationen, die ihrerseits mehr als fünfundzwanzig Millionen Bürgerinnen und Bürger repräsentieren und mehr als 100.000 Einzelpersonen die Petition gezeichnet. Die Petition fordert einen Schwellenwert von 0,1 Prozent für alle Pflanzenarten. Dass dieser Wert praktikabel ist, zeigt Österreich. Dort wurden die 0,1 Prozent vor zwei Jahren mit der Saatgut-Gentechnik-Verordnung gesetzlich vorgeschrieben. Nicht nur, dass die Kontrollen nie eine Überschreitung der Schwelle festgestellt haben, noch wichtiger: Seit die Verordnung in Kraft ist, ist überhaupt kein verunreinigtes Saatgut mehr aufgetaucht. Und dies, obwohl Österreich Saatgut auch aus Ländern importiert, in denen gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden. Sauberes Saatgut ist herstellbar. Vielleicht sollte man die verantwortlichen Köpfe der EU und USA nach Österreich schicken.

Benno Vogel ist freischaffender Biologie in Winterthur und in Berlin. Mehr zu seinen Tätigkeiten erfahren Sie unter www.benno-vogel.ch.

zur Artikelübersicht

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
163
vom April 2004
Seite 21 - 22

Beispiele von Untersuchungen, in denen GVO-haltige Saatgutposten gefunden wurden. Die Resultate basieren auf Stichproben, zum Teil ist die Anzahl der genommenen Proben sehr gering. Ob sie die reale Situation abbilden, bleibt unklar. Land/ Jahr Pflanze Anteil der Ausmaß der Bundesland GVO-haltigen GVO-Verun- Stichproben reinigung USA 2003 Mais 50% 0,1-1% Raps 83% 0,05-0,1% Soja 50% 0,05->0,1% 2000 Mais 50% 0,1-1% Frankreich 2003 Mais 8% 0,1 % Soja 7% <0,1% 2002 Mais 24% <0,1-<0,5% 2001 Mais 41% <0,1% Raps 2,7% <0,1% Soja 5,5% <0,1% Griechenland 2002 Baumwolle 0,3% unklar Mais 0,2% unklar Italien 2001 Mais 12% unklar Soja 12% unklar Deutschland 2002 Mais 3,4% <0,1% Raps 0,4% <0,1% B.-Württemb. 2003 Mais 19% <0,1% 2002 Mais 14% <0,1% 2000 Mais 3,5% <0,1% Raps 43% 0,1-0,9%

Nur durch Spenden ermöglicht!

Einige Artikel unserer Zeitschrift sowie unsere Online-Artikel sind sofort für alle kostenlos lesbar. Die intensive Recherche, das Schreiben eigener Artikel und das Redigieren der Artikel externer Autor*innen nehmen viel Zeit in Anspruch. Bitte tragen Sie durch Ihre Spende dazu bei, dass wir unsere vielen digitalen Leser*innen auch in Zukunft aktuell und kritisch über wichtige Entwicklungen im Bereich Biotechnologie informieren können.

Ja, ich spende!  Nein, diesmal nicht