Selbstbestimmung und Selbstkritik

Vom 14. bis 15. November 2003 trafen sich über 200 WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen sowie LehrerInnen, SchülerInnen, JournalistInnen und interessierte Laien am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie (EMBL) in Heidelberg. Dort fand die Veranstaltung "Genetics, Determinism and Human Freedom” aus der Reihe "Science and Society" statt.

Neben neuen Anwendungen und Methoden zur Auswertung genetischer Information waren auf der Tagung auch Fragen zum Missbrauch genetischer Daten Gesprächsstoff. Obwohl von einigen ReferentInnen Technik-Optimismus verbreitet wurde, mehrten sich im Verlauf der Tagung erstaunlich kritische Stimmen – bemerkenswert, da das Treffen vom EMBL gemeinsam mit der Europäischen Organisation für Molekularbiologie (EMBO) ausgerichtet wurde. Es wurde mehrfach angemerkt, dass die Vorstellung, Menschen seien weitgehend durch ihre Gene bestimmt (genetischer Determinismus), in der Öffentlichkeit weiter verbreitet sei als unter NaturwissenschaftlerInnen. Dies wurde nicht nur auf übertriebene Darstellungen von Forschungsergebnissen in den Alltags-Medien zurückgeführt. Es wurden auch Beispiele für wissenschaftlich ungesicherte Übertreibungen in den angesehenen Fachzeitschriften Nature und Science zitiert, was besonders Steven Rose, international ausgezeichneter Biologie-Professor an der Open University (UK), scharf kritisierte. Auch Jon Beckwith, Harvard-Professor und aktiver Forscher im Bereich Mikrobiologie und Molekulare Genetik mahnte zur Bescheidenheit. Beckwith isolierte 1969 als erster ein Gen (aus dem Darmbakterium E. coli) und nutzt seine Berühmtheit seither, um auf gesellschaftliche Gefahren seines Forschungsgebietes hinzuweisen. Er erläuterte seine Motivation und Erfahrungen anhand seiner Biographie. So stellte er unter anderem die Organisation "Science for the People" vor, die sich bis 1990 der Offenlegung politischer Einflüsse auf die Forschung widmete. Er appellierte an seine KollegInnen, Verantwortung zu übernehmen. Nach Beckwiths Analyse wurde der Missbrauch der Genetik für eugenische Propaganda während der NS-Zeit auch dadurch ermöglicht, dass viele angesehene WissenschaftlerInnen hierzu schwiegen – um keinen Wirbel um die eigene Wissenschaft zu verursachen. Es sei die Aufgabe eines jeden einzelnen und aller Wissenschaftler, folgert er, dem Missbrauch ihrer Ergebnisse entgegen zu wirken. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Literatur: Das vollständige Tagungsprogramm mit allen ReferentInnen ist im Internet zu finden unter http://www.embo.org/projects/scisoc/scisoc2003.html. Jon Beckwith: Making Genes, making waves: A social activist in Science". Harvard University Press, 2002.

Lilian Schubert ist Doktorandin am Lehrstuhl für Ethik in den Biowissenschaften der Universität Tübingen.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
161
vom Dezember 2003
Seite 41

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