Nachhaltigkeit & Gentechnik

Farm-to-Fork-Strategie stößt auf Kritik

Mit der Farm-to-Fork-Strategie legt die EU-Kommission ihren Zehnjahresplan für ein nachhaltiges Lebensmittelsystem bis 2030 vor. Der Plan stößt auf Kritik, auch im Hinblick auf die neuen Gentechniken. Alternativen zu technischen Lösungen finden sich in der Agrarökologie.

Im Mai legte die EU-Kommission die Farm-to-Fork-Strategie vor. Diese soll einen zentralen Beitrag zur Erreichung der Ziele leisten, die sich die EU mit dem Green Deal bis 2050 gesteckt hat. Das erklärte Ziel der Strategie ist es, den Übergang zu einem fairen, gesunden und umweltfreundlichen Lebensmittelsystem in Europa voranzutreiben.1 Dass sie dabei die großen Herausforderungen der europäischen Landwirtschaft benennt und auf einen Umbau der Ernährungssysteme setzt, wird von vielen Seiten begrüßt. Doch es fehlt an Verbindlichkeit, denn die EU-Mitgliedstaaten sind nicht zur Umsetzung der Ziele und Vorgaben auf nationaler Ebene verpflichtet. Mit dem Vorschlag zur Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), welcher noch aus der Zeit von EU-Agrarkommissar Hogan stammt, sind die Ziele der Strategie nicht vereinbar.2 Sie ist zudem nicht mit eigenem Budget ausgestattet und müsste in die kommenden Verhandlungen zur GAP-Reform eingebunden werden.

Forderung nach Nutzung neuer Gentechniken

Inhaltlich wird die Strategie an vielen Stellen kritisiert, auch im Hinblick auf die neuen Gentechniken.3 Angesichts des Klimawandels und der damit einhergehenden Gefahren für die Pflanzengesundheit zieht die Kommission die Anwendung neuer innovativer Techniken, einschließlich der Biotechnologie und der Entwicklung bio-basierter Produkte zur Steigerung der Nachhaltigkeit in Betracht, sofern diese für Verbraucher*innen und Umwelt sicher sind und Vorteile für die Gesellschaft insgesamt mit sich bringen.4 Ein möglicher Nutzen daraus könne eine Reduzierung der Abhängigkeit von Pestiziden sein. Dass sie dafür auch die Nutzung neuer Gentechniken befördern möchte, zeigt sich in der Bezugnahme auf eine Studie, die bis April 2021 von der traditionell gentechnikfreundlichen Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (SANTE) der EU-Kommission angefertigt wird. Demnach untersuche die Studie „die Potenziale neuartiger genomischer Verfahren für die Verbesserung der Nachhaltigkeit entlang der Lebensmittelversorgungskette“5. Diese Aussage wird als einseitig kritisiert, denn die Studie ist eine Untersuchung der rechtlichen Beurteilung neuer Gentechniken und deren Folgen.6 Auch wenn im Farm-to-Fork-Aktionsplan kein eigener Maßnahmenpunkt zur Deregulierung der neuen Gentechniken enthalten ist, zeigt sich hier ganz klar: Die Gefahr, dass die EU-Kommission nach Veröffentlichung der Studienergebnisse einen Vorschlag zur Deregulierung vorlegt, ist nach wie vor nicht gebannt. „Es ist nicht akzeptabel, dass die EU-Kommission die Studie entgegen ihres Mandats dafür instrumentalisiert, einseitig auf vermeintliche Potenziale der neuen Gentechniken einzugehen, um eine Deregulierung der Technologien voranzutreiben“ kommentiert Stefanie Hundsdorfer von der IG Saatgut. „Nur die Sicherstellung einer weiteren Regulierung der neuen Gentechniken ermöglicht, dass die Risiken für Umwelt und Verbraucher*innen weiterhin geprüft und negative Auswirkungen überwacht werden können.

Widerstandsfähigkeit und genetische Vielfalt

Die drängenden Herausforderungen, wie die Sicherung unserer Ernährung im Zuge der Klimakrise, haben einen komplexen Charakter. Ihnen kann deshalb nicht mit rein technischen Lösungen begegnet werden. „Eine wirklich nachhaltige Alternative wäre der Ausbau bereits erfolgreich praktizierter vielfältiger, lokal angepasster und wahrhaft innovativer Ansätze für nachhaltige Agrarsysteme. Diese werden in der ökologischen und partizipativen Pflanzenzüchtung und in der agrarökologischen Forschung gemeinsam mit Landwirt*innen entwickelt“, erläutert Hundsdorfer. Nur so ist das Bekenntnis der Kommission zur Förderung agrarökologischer Ansätze glaubwürdig.

  • 1Die Farm-to-Fork-Strategie im Volltext: www.kurzelinks.de/gid254-pv-p [letzter Zugriff: 13.07.2020].
  • 2Interview mit Lutz Ribbe (25.06.2020): Der Green Deal für die Landwirtschaft ist bloße Ankündigung. In: Der Freitag, Nr. 26.
  • 3Siehe Potthof, C. (2020): Agro-Gentechnik – vom Hof auf den Tisch? In: GID 253, S. 23-24. Online: www.kurzelinks.de/gid254-pv-o [letzter Zugriff: 13.07.2020].
  • 4EU Kommission (2020): Mitteilung der Kommission „Vom Hof Auf Den Tisch“ – Eine Strategie für ein faires, gesundes und umweltfreundliches Lebensmittelsystem, S. 10. Online: www.kurzelinks.de/gid254-pv-q. [letzter Zugriff: 10.07.2020].
  • 5Siehe Fußnote (4).
  • 6Zur Studie der EU-Kommission: www.kurzelinks.de/gid254-pv-i [letzter Zugriff: 10.07.2020].
Erschienen in
GID-Ausgabe
254
vom August 2020
Seite 23

Pia Voelker ist war bis August 2022 Redakteurin des GID und Mitarbeiterin im GeN.

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