Zukunft säen - Vielfalt ernten

Bei den Internationalen Aktionstagen für Saatgut-Souveränität

Im April fanden in Brüssel „Internationale Aktionstage für Saatgut-Souveränität” statt. SaatgutliebhaberInnen trafen auf Stadtgarten-AktivistInnen. Sie wollen mitreden bei der Novellierung der europäischen Saatgut-Gesetzgebung.

Saatgut-Börsen als Teil des politischen Betriebs sind für viele noch immer etwas Besonderes: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beugen sich wissend, neugierig und anerkennend über Sammlungen von Körnern und Bohnen. Mit wohlwollenden Blicken werden amateurhaft aber liebevoll gebastelte Fotoalben durchgeblättert, die Finger streifen über Garben von Getreide. Der Austausch ist rege. So auch bei den Internationalen Aktionstagen, die im April in Brüssel stattfanden: Mit Austausch von Saatgut und Erfahrungen - züchterischer wie kultureller Natur, mit Kongress, Demonstration und anderem mehr. Nur in seltenen Fällen wird das gegenseitige Interesse von dem sprachlichen Vielerlei Europas ausgebremst. Mit dem Vielerlei können die walisischen, polnischen oder deutschen Saatgut-Freaks nicht beeindruckt werden, das gehört für sie zum Geschäft. Um Vielfalt in Gärten und auf Feldern auch für die Zukunft zu erhalten - deshalb sind sie nach Brüssel gekommen. Sie sehen sich von der Bevorzugung industrieller, oft nicht vermehrungsfähiger Saat-Produkte bedroht.

Saatgut züchten, tauschen und verkaufen

Auch die EU-Kommission bastelt, und zwar an neuen Saatgutgesetzen für die Gemeinschaft.1 Deshalb gibt es die Saatgutkampagne - die Bäuerinnen, Züchter und Aktivistinnen wollen weiter mit ihrem Saatgut arbeiten: züchten, tauschen, manchmal auch verkaufen. Jürgen Holzapfel, Mitinitiator der Kampagne, konnte im Rahmen der Demonstration, die Bäuerinnen und Gärtner, Aktivisten und Fürsprecherinnen des freien Saatguts durch das Herz der EU-Metropole führte, 58.000 Unterschriften an drei Abgeordnete des Europäischen Parlamentes (EP) übergeben; darunter mit Isabelle Durant eine Vizepräsidentin des EP. Holzapfel betonte: „Wir bestehen auf dem Recht, Saatgut aus eigener Ernte zu gewinnen, nachzubauen und weiterzugeben.“ Außerdem seien sie für „die Förderung regionaler Sortenvielfalt, indem die Saagut-ErhalterInnen und ZüchterInnen biologischer Sorten unterstützt werden“. Last but not least, so Holzapfel weiter, „verlangen wir ein neues Verfahren der Saatgutzulassung, das GVO-Saatgut verbietet, sowie chemie- und energieintensive Sorten einschränkt“. Bei den Saatgut-Aktivisten endet Europa nicht an den Grenzen der EU: Abdullah Aysu ist Präsident des Bündnisses von Bauernvereinigungen Çiftçi Sen. Er ist aus der Türkei nach Brüssel gekommen. Sein Bündnis vertritt mehr als 40.000 Kleinbäuerinnen und -bauern. Aysu gab bei den Saatgut-Aktionstagen eine türkische Besonderheit zum Besten: „Die Bedeutung des Saatguts erkennt man in der Türkei daran, dass nur diejenigen, die Saatgut vermehren können, Bauern genannt werden. Die anderen nennt man ‚Feldwächter’“. So mischt hier sich das Wissen um die Pflanzen mit dem über Sprache und Kultur. Das ist kein Zufall, das hat System. Annäherung als Weg ist vielen hier wichtig. Manchen vermutlich wichtiger, als die Aktenberge, die es noch zu studieren gilt. Das Schöne an den Saatgutbörsen ist nicht zuletzt, dass man Saatgut mit nach Hause tragen und dort aussäen kann. Die aus Brüssel mitgebrachten polnischen Bohnen auf dem Balkon des Autors wachsen prächtig.
Die Saatgutkampagne betreibt die Interseite „www.saatgutkampagne. org“. Dort gibt es neben einer großen Zahl an Texten und Links zum Beispiel einen so genannten Optionenvergleich für verschiedene Szenarien der Reform der EU-Saatgut-Gesetzgebung (Options and analysis paper) der EU-Kommission - Generaldirektion Gesundheit inklusive einer Erläuterung, erstellt von der Kampagne. Çiftçi Sen im Netz: www.karasaban.net.

  • 1Anne Schweigler (2009): „EU-Saatgutgesetzgebung in der Überarbeitung“ im Gen-ethischen Informationsdienst (GID) 197, Dezember 2009. Siehe auch www.saatgutkampagne.Org.
Erschienen in
GID-Ausgabe
206
vom Juli 2011
Seite 39

Christof Potthof war bis Ende April 2020 Mitarbeiter im GeN und Redakteur des GID.

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