Mehr Spielraum auf kleinerer Fläche

Ein Gespräch mit Ökolandwirt Carlo Horn über Landwirtschaft im Klimawandel, Glyphosat und fatale Abhängigkeiten.

Hände halten Kartoffel mit Erde

Ein lebendiger Boden ist essenziell für eine klimawandelangepasste Landwirtschaft. Wird er durch Ackergifte wie Glyphosat geschwächt, stellt das ein Problem dar. Foto: Pixabay/1866415

Im August 2020 führt der STERN im Podcast „Stern nachgefragt“ ein Interview mit dem konventionellen Landwirt H. Terno über die Landwirtschaft im Klimawandel1. Wie kann dem fehlenden Regen und den steigenden Temperaturen begegnet werden? Terno setzt auf Pflanzen, die weniger Wasser brauchen, auf Luzerne etwa, aber auch auf die Wirkung von Gülle, auf das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat und auf die grüne Gentechnik. GID-Redakteurin Pia Voelker hat mit dem Brandenburger Ökolandwirt Carlo Horn über die Frage nach der Anpassung an den Klimawandel und das STERN-Interview gesprochen. Für Horn kann mit Ökolandbau vielen Herausforderungen des Klimawandels begegnet werden. Und er bringt noch weitere Probleme ins Gespräch, für dessen Lösung er einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz fordert.

Pia Voelker: Der Klimawandel fordert die Landwirtschaft heraus. Seit einigen Jahren ist es auch in Deutschland deutlich zu spüren, 2020 war bisher das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor 84 Jahren. Es hat so wenig geregnet wie seit zehn Jahren nicht mehr. In einigen Regionen, beispielsweise in Niedersachsen, ist zeitweise sogar die Trinkwasserversorgung knapp geworden. Die Wasserknappheit ist auch für die Landwirtschaft ein Problem. Wie sieht die Situation in Brandenburg aus?

Carlo Horn: Das betrifft uns natürlich auch. In Brandenburg ist es aber schon immer trocken gewesen. Und wir haben echte Extreme: Auf wenigen Metern haben wir Kaninchensand und dann wieder Niedermoor.

Voelker: Wie begegnest du diesen klimatischen Herausforderungen?

Horn: Wir sind mit unserem Hof vor über 20 Jahren auf den Ökolandbau umgestiegen. Schon vor Jahren haben wir uns aus dem Rennen genommen, weg von der Idee „jeder zusätzliche Hektar ist ein guter Hektar“. Damals auch unter dem ökonomischen Druck, da wir nicht Willens waren, die Kauf- bzw. Pachtpreise zu zahlen. Wir wirtschaften lieber auf kleinerer Scholle, haben diesen kleineren Raum dafür aber mehr unter Kontrolle. Was wir tun ist in vielerlei Hinsicht völlig anders, als überall sonst gedacht wird.

Voelker: Anders als in der konventionellen Landwirtschaft?   

Horn: Ja. Die Fläche, die wir haben, überziehen wir nicht pauschal mit einer Fruchtfolge oder einem Bewirtschaftungssystem, so wie es die größeren Betriebe häufig tun. Je größer ein Betrieb, desto primitiver wird er von seiner Fruchtfolge abhängig, desto pauschaler wird seine Bewirtschaftung und desto mehr braucht er Glyphosat. Bei uns ist es so, dass wir je nach Bodenqualität völlig unterschiedliche Anbausysteme haben. Und gerade die Böden, die grundwasserfern und von vornherein trockenheitsgefährdet sind, versuchen wir möglichst dauerzubegrünen. Wir nutzen zudem die Vegetationsperioden, die durch den Klimawandel länger geworden sind, und können zwei Hauptfrüchte ernten: Während eine klassische Fruchtfolge aus Haupt- und Zweitfrucht besteht, ernten wir zwei Hauptfrüchte pro Jahr auf den Äckern. Zum Beispiel Grünschnittroggen und eine trockenstressresistente Hirse.

Voelker: Warum gehen nicht alle Landwirt*innen so vor und setzen auf unterschiedliche Anbausysteme und Dauerbegrünung?

Horn: Viele Landwirt*innen stehen unter Produktionsdruck und müssen daher den Weg der Intensivierung gehen. Das zwingt sie, in der Bewässerung beispielsweise auf Schlagregner zu setzen, statt auf ökologischere Methoden. Wenn man wie ich freier Landwirt auf freier Scholle ist, also wenige Hektar hat, diese sich aber im Eigentum befinden oder zu fairen Preisen gepachtet werden können, sieht das anders aus. Ich habe mehr Handlungsspielraum. Andere Landwirt*innen werden einem starken Globalisierungsdruck ausgesetzt. Zudem wird Land zunehmend an Investor*innen verkauft. Es entsteht ein Kampf um das Land zwischen Landwirten der Region und Investor*innen. Wir müssen raus aus dem aktuell vorherrschenden System, das da sagt, es gewinnen die Landwirt*innen die Gunst der Kund*innen, die das Produkt global am billigsten herstellen können, egal unter welcher Ressourcenausbeutung. Wir haben alles was wir brauchen, um auf Trockenstress und andere klimatische Herausforderungen zu reagieren. Dafür brauchen wir aber einen Wandel des Gesellschaftsmodells.

Voelker: Ohne diese Faktoren hätten Landwirt*innen also nicht den Druck „die Wüste zu begrünen“ und viel Wasser zu verbrauchen, um alles aus den Flächen herauszuholen?

Horn: Richtig. Aber momentan ist es so: Die Landwirt*innen stehen nicht in Konkurrenz zu den unmittelbaren Nachbar*innen, sondern in Konkurrenz zu den billigsten Erzeuger*innen in der Welt. Wir müssen mit ihnen konkurrieren, aber gleichzeitig deutsche Hygiene- und Umweltstandards einhalten. An dieser Stelle ist Ökolandbau schon eine Antwort, denn er ist nicht nur eine Bewirtschaftsungsform, er ist ein ganzes Gesellschaftsmodell.

Voelker: Wie sieht dieses Gesellschaftsmodell aus?

Horn: Ökolandbau ist ein Gesellschaftsmodell der Wertschätzung, der Anteilnahme, der Partizipation und des Wunsches, möglichst dicht an die Endkund*innen ranzukommen. Es geht darum, den Leuten zu erklären, warum welches Konsumverhalten zu welchen Produktionsbedingungen führt. Das zelebrieren wir ganz konkret mit einer Kooperation mit „KORNWERK“2, einer Hafermilchmarke aus Berlin, die regionale Biodiversität fördern. Mit ihnen fahren wir ein Modell der solidarischen Landwirtschaft. Das bedeutet, dass wir uns die Last und das Risiko der Produktion teilen. Üblicherweise liegt diese Last bei den Landwirt*innen allein.

Voelker: Welche Rolle spielt die Artenvielfalt für die Klimawandelanpassung?

Horn: Artenvielfalt ist ein sehr wichtiger Aspekt. Wir brauchen sie, aber viele Sorten sind vom Aussterben bedroht. Aus einer wahnsinnig großen genetischen Vielfalt, die genau diesen Klimabedingungen getrotzt hat, sind im Rahmen der Intensivierung der Landwirtschaft viele Sorten aus dem Rennen genommen worden und in die Hände einiger weniger Konzerne gegangen. Damit haben wir uns von einer Artenvielfalt zu einer Artenarmut bewegt. Länderübergreifend werden nun die gleichen Pflanzensorten angebaut.

Voelker: Wie kann auf diese Entwicklung reagiert werden?

Horn: Wir können unseren Hof als Beispiel nehmen. Wir haben über Jahrhunderte immer auf der gleichen Fläche einen Landschlag, also eine geografische Varietät, angebaut und immer die besten Körner herausgesucht. Damit haben wir diesen Landschlag an den Stand-ort angepasst und tun es bis heute.

Voelker: Ein Argument, das manchmal für die konventionelle Landwirtschaft und gegen den Ökolandbau eingebracht wird, ist, dass dieser nicht ausreichend Ertrag brächte und nicht effizient genug sei. Wie ist das bei euch?

Horn: Wenn man einen solchen Vergleich anstellt, sollte man nicht vergessen, dass die konventionelle Landwirtschaft erhebliche Zusatzkosten verursacht, weil Gewässer verschmutzt werden, hohe Emissionen den Klimawandel weiter vorantreiben und Artenvielfalt und fruchtbare Böden zerstört werden. Der Ökolandbau schützt Ressourcen. Wenn wir über Effizienz reden, sollten wir diese Aspekte nicht vergessen. Ich denke der konventionelle Landbau von heute, aber auch die ökologische Landwirtschaft, sind noch lange nicht ausgereift. Ein Problem im Ökolandbau ist in meinen Augen, dass wir unsere Pflanzen nicht bedarfsgerecht ernähren können. Man könnte im Ökolandbau sehr viel mehr Effizienz erreichen, wenn wir die Nährstoffverluste, die wir haben, durch mineralischen Dünger ausgleichen könnten. Nicht unbedingt zur Hauptfrucht, sondern zur Zwischenfrucht. Damit könnten wir die Effizienz des Ökolandbaus erhöhen.

Zudem kommt es darauf an, wie du als Landwirt*in aufgestellt bist. Wenn beispielsweise alle deine Kosten an einer 10-Tonnen-Ernte orientiert sind, dann ist eine Ernte von nur 7 Tonnen ein großes Problem. Wir denken da anders. Um nochmal zu dem Grundtenor zu kommen: Dieser Druck mit dem Trockenstress kommt ja nur daher, weil die Landwirt*innen unter so großem ökonomischem Druck stehen. Wenn sie alle solide aufgestellt wären, wäre das überhaupt kein Problem auch mal ein paar Ernten zu verlieren und trotzdem weiterzumachen. Wir sind mit unserem Hof so aufgestellt, dass wir weder in 2017 – als wir die Sintflut hatten – noch in 2018 – als es so extrem trocken war –  den Katastrophenhilfeantrag gestellt haben. Stattdessen haben wir nahtlos die Ernten verloren, wie alle anderen auch, konnten aber weitermachen.

Voelker: Wie war das möglich?

Horn: Das ging nur deshalb, weil das Verhältnis unserer Investition in die Fläche, die Pachthöhe und unser persönliches Wohlstandsniveau das hergeben. Wir fahren Traktoren, die sind 30 Jahre alt. Ich repariere lieber altbewährtes, statt in die Investitionsfalle zu rutschen, der viele meiner Kolleg*innen nachgeben: Was alt ist, ist nicht mehr komfortabel und nicht mehr leistungsfähig. Man hat mehr Hektar zu bewirtschaften, man braucht mehr Zugkraft, also braucht man die nächst größere Maschine. Und die ist sehr digital – das ist Fluch und Segen in einem. Es versetzt die Landwirt*innen schneller in die Lage, die Maschinen nicht mehr reparieren zu können und auf Dienstleister angewiesen zu sein. Wo gibt es denn noch Landwirtschaftsbetriebe wie den unseren, der sagen kann, wenn wir alle Pachtflächen verlieren, dann geht es eben auf kleinerer Flamme weiter, weil alles was auf dem Hof steht bezahlt ist? Oft stehen Investor*innen dahinter. Ökonomischer Druck und Landkonflikte spielen also eine große Rolle bei der Art und Weise, wie Landwirt*innen agieren können, auch im Hinblick auf die Anpassung an den Klimawandel. Dieser Druck drängt viele Landwirt*innen dazu, die Ressourcen auszubeuten.

Voelker: Konventionelle Landwirte wie H. Terno setzen auf Glyphosat, um dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen. Was hälst du davon?

Horn: Diese ganze Chemie in der Landwirtschaft ist ein riesiger Versuch an der Menschheit mit unbekanntem Ausgang. Das sehen wir, wenn wir in der Historie der Agrarchemie zurückgehen. Vor wenigen Jahren war es noch möglich, Saatgut mit Quecksilber zu beizen oder mit Arsen Schädlinge zu bekämpfen. Wenige Zeit später hat man dann erkannt, dass es schädlich ist. Vom Glyphosat haben heute viele die Meinung, es sei sicher und es passiere gar nichts. Aber die nächste Generation wird dann wieder feststellen, dass wir viele Folgen und Schäden noch nicht auf dem Radar hatten. Eine ganz große Motivation des Ökolandbaus ist, durch die ökologisch bewirtschafteten Flächen ein Reservat zu schaffen, in dem die Böden nicht mit Chemikalien kontaminiert werden. Denn wir wissen einfach nicht, was da perspektivisch rauskommt.

Mit Glyphosat wurde hierzulande nicht so punktuell gearbeitet, wie es eigentlich mal gedacht war. Wenn wir uns aber anschauen, welche Agrarrohstoffe und Lebensmittel wir nach Deutschland importieren, beispielsweise Soja aus Brasilien, auf dem die gesamte konventionelle Tierproduktion beruht, enthält es teilweise 50 Mal mehr Glyphosat, als in Deutschland überhaupt zugelassen ist. Meiner Meinung nach dürfte kein Lebensmittel in Deutschland vertrieben werden, das nicht den hiesigen Sozial- und Umweltstandards entspricht. Das ist aber nicht der Normalfall: Wir reden hier über Tierwohl und importieren gleichzeitig Steaks aus Argentinien, wo 150.000 Tiere in einer Mastanstalt stehen. Es wird mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen und da gebe ich Terno völlig Recht, hier spielen wir „heile Welt“ und um die hiesigen Tiere zu ernähren, wird der Regenwald abgefackelt und gentechnisch veränderte Soja angebaut. Lebensmittelerzeugung sollte stattdessen immer lokal stattfinden. Für mich müsste die Ökolandbau-Richtlinie der konventionelle Standard sein.

Voelker: Du hast gerade von pestizidbelasteten Böden gesprochen. Welche Rolle spielt der Boden im Hinblick auf die Herausforderungen, die der Klimawandel mit sich bringt?

Horn: Die natürliche Bodenfruchtbarkeit wird im Rahmen des Klimawandels immer mehr an Bedeutung gewinnen. Wir werden unseren Fokus auf Böden mit einem hohen Maß an natürlicher Fruchtbarkeit richten. Von chemischen Pflanzenschutzmitteln wie Glyphosat oder synthetisch-mineralischem Dünger müssen wir wegkommen und stattdessen aktiv Humus aufbauen. Der Boden wird aber überwiegend gar nicht mehr betrachtet, weil er künstlich beregnet, künstlich gedüngt und gespritzt wird. Der Ökolandbau ist da genau das Gegenteil. Wir haben bei uns auf dem Hof, trotz der klimatischen Herausforderungen für Ökolandbau, immer noch recht interessante Ernten. Das liegt auch daran, dass wir Humusaufbau betreiben.

Voelker: Wie erreicht ihr diese Bodenfruchtbarkeit?

Horn: Bei uns ist der Boden ganzjährig mit Pflanzen bewachsen und beschattet. Die Bodentemperaturen werden so eingepegelt, dass permanent bakterielles Leben darunter stattfinden kann. Demzufolge auch permanent Stoffwechselprozesse, die dann auch alle anderen Systempartner in der Kette ernähren. Wenn ich aber den Fehler machen, die Böden tot zu spritzen, mit schweren Maschinen zu befahren, blank in der Sonne liegen zu lassen und so weiter, also all das, was häufig gemacht wird, dann fahre ich die Bodenfruchtbarkeit gegen die Wand.

Voelker: Und der Einsatz von Pestiziden gefährdet diese Stoffwechselprozesse?

Horn: Genau, denn wenn ich beispielsweise ein Fungizid ausgebracht habe, dann wirkt es nicht nur gegen den Schaderregerpilz an der Kulturpflanze, sondern gelangt natürlich auch in den Boden. Dort tötet das Fungizid auch die biologisch vorhandenen Pilze, die die stark zellulosehaltige Biomasse abbauen. Wenn ich dann noch Feuchtigkeitsmangel habe, dann führt das dazu, dass ich die Strohmassen, die ich in den Boden einpflüge im nächsten Jahr quasi unverändert aus der Tiefe wieder heraushole. Genau das Gegenteil dazu sind unsere Böden. Die sind biologisch extrem aktiv, haben eine hohe Stoffwechselrate und eine riesige Artenvielfalt. Der Aufwand, den wir dafür betreiben müssen, besteht unter anderem darin, dass wir den Boden ruhen lassen und leichte Maschinen einsetzen.

Voelker: Woran liegt es, dass dieses Vorgehen nicht unter allen Landwirt*innen, also auch in der konventionellen Landwirtschaft, verbreitet ist?

Horn: Mit diesem Vorgehen sind wir nicht so leistungsfähig und haben von vornherein keine Chance, gegen die Weltmarktpreise anzukommen. Wir brauchen dann Systempartner*innen wie beispielsweise Kornwerk, die die pflegliche Art unserer Landwirtschaft schätzen und bereit sind, den Differenzpreis zwischen ausbeuterischer Landwirtschaft und der Art, wie wir es machen, auch in Euro auszudrücken. Konventionelle Landwirt*innen können sich durch den hohen Druck von allen Seiten gar nicht erlauben, den Boden mal ruhen zu lassen oder mal Dauerkulturen anzubauen, wie bei uns die Kleegräser. Das sind die Bestandteile der Fruchtfolge, die am längsten den Boden bedecken. Bei der konventionellen Landwirtschaft ist das ja genau das Gegenteil. Die Kolleg*innen wehren sich dagegen, auch nur wenige Prozent ihrer Fläche aus der Produktion zu nehmen und für Naturschutz-Fragen zur Verfügung zu stellen. Oder bei den Kulturen, die im Feld stehen, mal eine Leguminose, wie beispielsweise einen Rotklee, anzubauen. Oder keine am Weltmarkt gehandelte Cash Crop Frucht3.

Voelker: Warum ist das so?

Horn: Das liegt daran, dass sie mit der jeweiligen Alternativfrucht, beispielsweise einer Lupine, Erbse oder Ackerbohne, nicht den Deckungsbeitrag erwirtschaften, den sie brauchen, um ihre Kosten zu decken. Das ist etwas, was nicht von den Landwirt*innen ausgeht, sondern was über sie gebracht wurde. Das ist ja etwas, das Terno auch sagt: Er versteht nicht, dass wir zu den reichsten Nationen der Welt gehören und man nicht Willens ist, einen auskömmlichen Milchpreis zu zahlen und damit nicht mal die Kosten in einer industrialisierten Landwirtschaft deckt. Andere Kolleg*innen müssen einen großen Prozentsatz ihrer Ernten auf dem Acker lassen, weil sie irgendwelchen Normen nicht entsprechen. Das können wir uns als Gesellschaft nicht erlauben.

Voelker: Denkst du, der Einsatz von grüner Gentechnik kann bei der Anpassung an den Klimawandel helfen?

Horn: Das lehne ich vollumfänglich ab. Wenn ich schaue, wie lange an grüner Gentechnik bereits geforscht wird und was damit erreicht wurde, dann sehe ich in keiner Weise den Wunsch und Willen der entsprechenden Saatguthersteller*innen, wirklich einen Weizen für die Wüste zu züchten. Ganz im Gegenteil: man will die Abhängigkeit der Benutzer*innen weiter stärken. Dafür können wir einen Blick Richtung USA werfen und schauen, was die Gentechnik dort gebracht hat. Man hat den Leuten eine glyphosatresistente Kultur angeboten, die mit minimaler Bodenbearbeitung direkt ausgebracht werden kann. Das spart unheimlich viel Wasser. All das, was nicht Zielvegetation ist, wird dann mit Glyphosat totgesprüht. In der Folge haben sich glyphosatresistente Unkräuter gebildet und die Glyphosatmenge wurde immer weiter erhöht.

Züchterisch hat man aber Soja-, Mais- oder Rapssorten genommen, die eigentlich aus den 60er, 70er, 80er Jahren kommen und hat dort diese Glyphosatresistenz eingebaut. Anstatt sich auf die Fragestellung der Wassereffizienz zu konzentrieren. Das ist genau das, was die Landwirt*innen unabhängiger machen würde von den Monsantos dieser Welt. Und genau das ist ja, was man nicht erreichen will. Insofern ist das in meinen Augen großes Wunschdenken. Eventuell würde es anders aussehen, wenn die Technik in den Händen des Gemeinwohls läge. Aber solange Gentechnik verwendet wird, um Gewinne zu erzielen, ist das genauso eine fatale Entwicklung wie das Gesundheitswesen zu privatisieren und an Krankheiten Geld zu verdienen.
Was ich als Landwirt*in brauche, ist eine bunte Artenvielfalt aus tausenden Arten, Sorten und Kulturen, alle paar Meter sollte genau die Pflanze wachsen, die mit den lokalen Witterungsbedingungen am besten zu Rande kommt. Dafür sind konventionelle Züchtungsmethoden viel geeigneter.

Voelker: Ein prominentes Argument der Befürworter*innen neuer Gentechnik ist, die Züchtung neuer Sorten gehe im Vergleich zu konventioneller Züchtung schneller…

Horn: Wir könnten aber auch an einen trockenen Standort gehen und schauen, was dort von Natur aus wächst. Heutzutage haben wir nur noch einige wenige Sorten mit einigen isolierten Eigenschaften. Das reicht nicht aus. Ich bin der Meinung man sollte schauen, was an trockenen Standorten wächst und das mit klassischen züchterischen Methoden bearbeiten. Wenn man wirklich wollte, gäbe es da aus meiner Sicht viele Möglichkeiten. Eventuell könnten wir das ein oder andere aus Genbanken reaktivieren, um die Artenvielfalt wiederherzustellen, die über die letzten 100 Jahre aus dem Rennen genommen wurde.

Voelker: Wie kann so etwas in der Praxis aussehen? Hast du ein konkretes Beispiel für mich?

Horn: Ein kleines Beispiel von unserem Hof aus dem letzten Jahr. Wir haben einen Anbauversuch gestartet. Vier Weizensorten von Demeter, auf dem Dottenfelder Hof gezüchtet, im Vergleich zu zwei konventionellen Referenzsorten. Diese sechs Sorten haben wir in schmalen Streifen nebeneinander gebaut von der Wüste ins Moor gehend. Dabei haben wir feststellen können, welcher der sechs Weizensorten in der Wüste wächst und wie ist das Ertragsbildungsverhalten aussieht, je besser die Wachstumsbedingungen werden. Das war sehr spannend zu sehen. Ich will jetzt gar nicht für den einen oder gegen den anderen argumentieren aber allein schon zu sehen wie sechs Sorten auf den gleichen Standort reagieren war schon eine Erkenntnis wert.

Voelker: Wie geht es dann damit weiter?

Horn: Wir haben diese sechs Sorten zusammengedroschen und verwenden diese sechs unterschiedlichen Genotypen jetzt als neues Saatgut. Wir machen also einen Multisortenanbau. Damit haben wir eine sehr breite genetische Basis und setzen das als Saatgut für die nächste Ernte ein. Aus den nächsten Ernten werden wir immer nur die besten Körner auswählen. Im Prinzip haben wir alles, was wir brauchen, um auf die Herausforderungen des Klimawandels zu reagieren. Aber dafür brauchen wir einen Wandel des Gesellschaftsmodells, der es Landwirt*innen erlaubt, ökologische Methoden anzuwenden. Das würde ermöglichen, Landwirtschaft nachhaltig an den Klimawandel anzupassen und diesen gleichzeitig nicht weiter zu befeuern.

Voelker: Vielen Dank für das Gespräch.

 

  • 1. STERN nachgefragt Podcast-Folge: "Bauer Terno, was helfen Gülle, Glyphosat und Gentechnik gegen die Trockenheit?": https://open.spotify.com/episode/5lUM0Vhcn6GxUmEKsdrqd2
  • 2. Fairer Hafer: Wie Landwirt und Start-Up kooperieren: https://f3.de/farm/fairer-hafer-wie-landwirt-und-start-kooperieren-634…
  • 3. Cash Crops sind Produkte aus der Landwirtschaft, die nur für den Markt erzeugt werden und nicht der Selbstversorgung der Landwirt*innen und des Landes dienen. Im Besonderen sind damit landwirtschaftliche Produkte gemeint, die aus Entwicklungsländern in Industrieländer exportiert werden. Typische Cash Crops sind etwa Kaffee, Kakao, Bananen, Mandarinen, Baumwolle und Palmöl. Meist werden Cash Crops in Plantagen und Monokulturen angebaut.

Pia Voelker ist Redakteurin des GID und Mitarbeiterin im GeN.

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25. Januar 2021

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