Pestizide

Doppelstandards, falsche Versprechen und echte Alternativen

Die Auswirkungen von Pestiziden in der Landwirtschaft werden immer problematischer. Wie kann eine Reduktion gelingen, was spielt grüne Gentechnik dabei für eine Rolle und welche Lösungen bieten ökologische Ansätze?

Der Einsatz von Pestiziden hat laut Welternährungsorganisation FAO in den letzten Jahrzehnten weltweit stetig zugenommen.1 Momentaner Spitzenreiter beim Pestizidverbrauch pro Hektar Ackerfläche ist Ostasien, dicht gefolgt von Nord- und Südamerika sowie Europa. Ein dramatischer Anstieg ist v.a. in Südamerika zu verzeichnen: seit 1990 (und da wurde bekanntlich nicht bei Null angefangen) um fast 400 Prozent. Aber auch in europäischen Ländern wird weiterhin unbeirrt auf Pestizide gesetzt (Deutschland plus 60 Prozent). Dabei ist schon lange bekannt, dass mit dem Einsatz von Pestiziden ernsthafte Gefahren für die menschliche Gesundheit, die Tier- und Pflanzenwelt und damit auch für ganze Ökosysteme einhergehen. Trotzdem nehmen die Kontaminationen, das Artensterben und die Pestizidvergiftungen rapide zu.2

Auch in Deutschland ist die Intensität des chemisch-synthetischen Pestizideinsatzes ökologisch nicht nachhaltig und gefährdet das Erreichen wesentlicher Ziele der Umwelt- und Naturschutzpolitik. Es braucht also dringend Wege, um den Pestizideinsatz sowie die damit verbundenen Risiken zu senken oder sogar ganz aus dem Pestizidgeschäft auszusteigen.

Wir haben uns in diesem Schwerpunkt die Frage gestellt, wie der Einsatz von grüner Gentechnik und der Einsatz von Pestiziden miteinander zusammenhängen. Welchen Einfluss hat Gentechnik auf den Einsatz von Pestiziden? Immerhin hält sich bis heute das Versprechen, mit Gentechnik den Einsatz von Pestiziden senken zu können. In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Blick in Richtung neuer Gentechniken: In ihrer „Farm-to-Fork“-Strategie schlägt die EU-Kommission neue Gentechnikverfahren wie CRISPR-Cas zur Verringerung der Abhängigkeit der Landwirt*innen vom Pestizideinsatz vor. Die Strategie zielt darauf ab, das europäische Lebensmittelsystem in verschiedenen Dimensionen nachhaltiger zu gestalten und seine Auswirkungen auf Drittländer zu verringern. Aber kann das mit Gentechnik gelingen? Wir sind skeptisch und haben uns daher in vier Artikeln dem Zusammenhang zwischen Pestiziden und Gentechnik gewidmet.

Martha Mertens, Sprecherin des Arbeitskreises Gentechnik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Gen-ethischen Netzwerks (GeN), befasst sich in ihrem Beitrag mit der Frage, inwiefern sich das Versprechen „GVO reduzieren den Pestizideinsatz“ im Hinblick auf Herbizide bewahrheitet hat – oder eben nicht.

Bernd Rodekohr betreut den Bereich Gentechnik bei der Aurelia Stiftung, die sich für Bienen und den Erhalt der Artenvielfalt einsetzt. Nach einem Einblick in die gegenwärtige Gentechnikdebatte von Politik und Industrie beleuchtet er die aktuellen Entwicklungen und Strategien hinsichtlich neuer Gentechnikverfahren im Pflanzenschutz. Mit Hilfe von sog. RNAi-Gentechnik-Produkten als Pestizidnachfolger sollen die Reduktionsvorgaben der Politik erreicht, und gleichzeitig die Bienen resistenter und effizienter gemacht werden. Was ist von diesen Versprechen zu halten und welche Risiken gehen mit den Techniken einher?

Einen genauen Blick auf die Hersteller*innen der Pestizide, die häufig auch die Hersteller*innen von gentechnisch veränderten Pflanzen sind, wirft Wiebke Beushausen, Agrarbiologin und Projektmitarbeiterin für globale Landwirtschaft beim INKOTA-Netzwerk. Denn die Geschäfte mit hochgefährlichen Pestiziden sind von Doppelstandards geprägt: Während viele Pestizide in der EU verboten sind, werden sie in anderen Teilen der Welt frei verkauft. Die Hersteller*innen dieser Pestizide haben ihren Sitz häufig in Deutschland.

Gut, dass es auch echte Alternativen jenseits der Gentechnik-Versprechen gibt, um den Pestizideinsatz in Zukunft verantwortungsbewusst und umweltfreundlich zu reduzieren. Doch die aktuelle Gesetzgebung benachteiligt extensive und nachhaltige Lösungen, wodurch ihre Umsetzung mit Risiken und Unsicherheiten für die Bäuer*innen verbunden ist. Im Interview mit Maria R. Finckh, Expertin für ökologischen Pflanzenschutz, haben wir über diese Landwirtschaftssysteme der Zukunft gesprochen und dabei einige praktische Lösungsansätze ohne großen Maschinen-, Dünger- und Pestizideinsatz kennengelernt.

  • 1. Die Datenbank der Welternährungsorganisation FAO enthält Informationen über den weltweiten Einsatz der wichtigsten Pestizidgruppen. Online: www.kurzelinks.de/gid257-mu [letzter Zugriff: 21.04.21].
  • 2. Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) (2020): Dramatischer Anstieg der globalen Pestizidvergiftungen. Online: www.kurzelinks.de/gid257-mv [letzter Zugriff: 21.04.21].

Matthias Juhas ist Redakteur des GID und Mitarbeiter im GeN.

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Pia Voelker ist Redakteurin des GID und Mitarbeiterin im GeN.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
257
vom Mai 2021
Seite 6

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