Open Source Saatgut

Frei zugänglich, aber wie finanziert?

Durch den verstärkten Flächenzuwachs in der Bio-Landwirtschaft steigt auch die Nachfrage nach geeignetem ökologischen Saatgut. Die Entwicklung der ökologischen Pflanzenzüchtung ist durch fehlende finanzielle Mittel jedoch stark eingeschränkt. In einem auf Gemeingütern basierenden Saatgutsystem werden verschiedene Finanzierungsmodelle vorgeschlagen, wobei entlang der Wertschöpfungskette sog. Open Source Lizenzen (OSL) als wirksame Schutzmechanismen gegen private Verwertung dienen sollen.

hände gefüllt mit verschiedenem saatgut

„Saatgut als Gemeingut“ soll durch Open Source Lizenzen vor privater Verwertung geschützt werden (Bild: World Bank Photo Collection CC BY-NC-ND 2.0)

In den letzten hundert Jahren hat die konventionelle Pflanzenzucht zweifelsohne einen positiven Beitrag zur Sicherung der Welternährung beigetragen. Die umfangreichen Anforderungen, die heute von der Pflanzenzüchtung gefordert werden, wie z.B. die Bereitstellung ökologisch angepasster, genetisch vielfältiger Sorten und die Züchtung einer breiten Palette an Kulturpflanzen, kann sie aber momentan nicht erfüllen. Vielmehr haben die Pflanzenzuchtunternehmen in der Vergangenheit aus ökonomischen Gründen vornehmlich Saatgut für den großflächigen Monokultur-Anbau produziert. Es wurden wenige global funktionierende Sorten gefördert, was weltweit zu einem starken Rückgang der pflanzengenetischen Vielfalt geführt hat. Gleichzeitig wurde mit der Regulierung der Saatgutmärkte das Saatgut sukzessive immer weiter privatisiert, was gravierende Auswirkungen auf die Arbeit der Bäuer*innen, sowohl in den Industrienationen als auch in den sog. Entwicklungsländern hat. Seit den 1970er Jahren kaufen große internationale Chemiekonzerne kleine und mittelständische Zuchtbetriebe auf und haben dadurch eine starke Marktkonzentration in Gang gesetzt. Durch weitere Fusionierung kontrollieren heute nur noch drei große Chemieunternehmen über 60 Prozent des globalen Saatgutmarkts. Durch Sortenschutz und Patente haben sie faktisch eine Monopolstellung eingenommen, die zu einer wachsenden Abhängigkeit der Bäuer*innen, zu einer Reduktion der Agro-Biodiversität und zu einer Gefährdung der Landwirtschaft und Ernährung geführt hat.

Vielfältige, regionale und ökologische Sorten sind gefragt

Im konventionellen Saatgutmarkt überwiegt seit Langem die genetische Uniformität, da der Fokus auf hohem Ertrag, einheitlichem Reifezeitpunkt und günstiger Wuchsform liegt. Diese Homogenität ist erforderlich, um eine Sorte durch das Sortenschutzgesetz schützen zu lassen und dadurch kommerziell verwertbar zu machen. Uniformität in der Pflanzenproduktion ist jedoch genau das Gegenteil von dem, was in der heutigen Landwirtschaft gebraucht wird. Um sich den Auswirkungen des Klimawandels anzupassen und eine Abkehr von chemiebasierten, hin zu ökologischen Anbausystemen zu schaffen, braucht es vielfältige, regional angepasste und heterogene Sorten, abwechslungsreiche Fruchtfolgen und den Anbau vieler verschiedener Kulturen. Die ökologische Pflanzenzüchtung arbeitet ohne alte oder neue Gentechnik und hat die Erhaltung und Erweiterung der genetischen Vielfalt bzw. die Verbesserung der landwirtschaftlichen Biodiversität zum Ziel. Sorten und ihre Merkmale sollen nicht patentiert oder mit Exklusivrechten versehen werden dürfen, so dass sie für alle Züchter*innen und Produzent*innen frei verfügbar sind.
Mit dem beträchtlichen Wachstum der Biobranche der letzten Jahre konnte die ökologische Pflanzenzüchtung und Saatgutproduktion nicht Schritt halten. Daher stammen die Sorten, obwohl das Saatgut ökologisch vermehrt wird, zum großen Teil immer noch von konventionellen Pflanzenzüchter*innen. Der eigentliche Bedarf übersteigt das aktuelle Finanzierungsvolumen somit um ein Vielfaches, und dieser Mangel an finanziellen Ressourcen ist auch der Hauptgrund, warum die ökologische Pflanzenzüchtung sich momentan nur sehr langsam entwickeln kann. Lizenzeinnahmen aus dem Sortenschutz tragen dabei nur sehr wenig zur Finanzierung der ökologischen Züchtung bei, der Großteil stammt aus Stiftungen oder Spenden. Das liegt daran, dass die aktuellen Anbauflächen für Bio-Sorten viel zu klein sind, dass der großflächige Anbau der geforderten Pflanzenvielfalt widerspräche und dass die meisten Bio-Pflanzenzüchter*innen ihre Sorten als Allgemeingut betrachten und daher Lizenzgebühren ablehnen. Da sich die Beanspruchung von Eigentumsrechten und die Schaffung von pflanzengenetischer Vielfalt gegenseitig widersprechen, müssen folglich alternative Finanzierungsmodelle gefunden werden.

Saatgut als Gemeingut

In den 1980er Jahren wurde von Informatiker*innen die Open Source Lizenz für Software entwickelt, die zu verschiedenen Creative-Commons-Lizenzen für diverse Produkte im Rahmen des Urheberrechts führte. Diesem Vorbild folgend wurde 2017 die Open Source Lizenz (OSL) für Saatgut eingeführt, um Saatgut als Gemeingut zu schützen. Diese OSL für Saatgut gibt folgende Regeln vor:

  1. Jede*r darf das Saatgut frei nutzen, vermehren, züchterisch bearbeiten und es im Rahmen bestehender Gesetze weitergeben.
  2. Niemand darf das Saatgut und seine Weiterentwicklungen mit geistigen Eigentumsrechten wie z.B. Patenten oder mit Sortenschutz belegen.
  3. Mit der Weitergabe des Saatguts werden die Saatgutfreiheit und das Privatisierungsverbot als Recht und Pflicht weitergegeben, wobei auch züchterische Weiterentwicklungen unter die Lizenz fallen.

Diese Verpflichtung, die auch als „Copyleft-Klausel“ bezeichnet wird, stellt sicher, dass das Saatgut und alle seine Weiterentwicklungen durch nachfolgende Pflanzenzüchtung Open Source – und damit Gemeingut – bleibt. Einmal als Gemeingut anerkannt, kann dieser Status nicht mehr rückgängig gemacht werden, alle Folgeprodukte unterliegen denselben Bedingungen. Die „Open Source Seed Initiative“ (OSSI) in den USA folgt diesem Ansatz indem die Nutzer*innen ein Versprechen zur Einhaltung dieser Vorgaben abgeben. Das von Agrecol in Deutschland geleitete „OpenSourceSeeds“ und neuerdings auch Bioleft in Argentinien verwenden eine Lizenz, die auch zivilrechtlich durchgesetzt werden kann. Dadurch wird die Lücke zwischen „Open Access“, wie es von vielen Öko-Saatgutzüchter*innen praktiziert wird, und dem von Unternehmen angewandten Schutz durch Eigentumsrechte, geschlossen. Als Gegenentwurf zu Patenten und Sortenschutz kann diese Open-Source-Strategie ein weiterer Schritt sein, um kleine und mittelständische Züchtungsunternehmen zu stärken und dadurch die dringend benötigte Nutzpflanzenvielfalt wieder zu stärken.

Neue Finanzierungsmodelle

Auf den ersten Blick klingt die OSL sympathisch und progressiv, wird doch die gängige Kapitalverwertung quasi mit ihren eigenen Instrumenten mehr oder weniger ausgetrickst. Es gibt aber auch Schwachstellen, wie z.B. die Rechtsunsicherheit bei spontanen Auskreuzungen oder der unklare Schutz für die Arbeit der Züchter*innen, die ja von ihrer Arbeit auch leben können müssen. Agrecol hat sich Anfang dieses Jahres in einem neuen Bericht dieser Frage angenommen und fünf verschiedene Konzepte zur Finanzierung einer gemeinwohlorientierten ökologischen Pflanzenzüchtung in Verbindung mit OSL vorgeschlagen. Die Überlegungen orientierten sich dabei stets an den Ökosystemleistungen von ökologischem Saatgut, die neben dem direkten Bedarf für die Landwirtschaft auch viele weitere Vorteile für die gesamte Gesellschaft mit sich bringen. Dieser Argumentation folgend wird vorgeschlagen, die alleinige finanzielle Verantwortung der Landwirt*innen aufzubrechen und die gesamte Gesellschaft mit ihren vielen verschiedenen Werkzeugen miteinzubeziehen. Dabei gibt es natürlich kein „Patentrezept“, vielmehr sollte eine umfassende Strategie immer aus einem koordinierten Repertoire verschiedener Finanzierungsmodelle zusammengesetzt sein. Die fünf Konzepte umfassen die gemeinschaftsbasierte Pflanzenzüchtung, die Züchtung auf Anfrage, die Auslagerung der Mittelakquise, die Einbindung der Wertschöpfungskette und die verstärkte Einbindung der Verbraucher*innen.

Gemeinschaftsbasierte Pflanzenzüchtung

Bei der gemeinschaftsbasierten Pflanzenzüchtung betreiben und finanzieren mehrere Betriebe in einem kleinen Gebiet mit ähnlichen Umweltbedingungen gemeinsam Pflanzenzüchtung, mit dem Ziel, regional angepasste Sorten zu entwickeln. Das geschieht entweder in einer Erzeuger*innengemeinschaft z.B. durch eine Genossenschaft, oder in einer Solidarischen Landwirtschaft mit den darin bewährten Bieter*innenrunden. Ein Vorteil wäre hierbei, dass durch die Synergieeffekte die Zeiträume für die Züchtung verkürzt und Kosten gespart werden könnten.

Züchtung auf Anfrage

Bei der Züchtung auf Anfrage gestalten Züchter*innen und Auftraggeber*innen gemeinsam das Zuchtprogramm und legen die Zuchtziele fest. Auftraggeber*innen können z.B. Supermärkte, öffentliche Infrastruktureinrichtungen oder Unternehmen sein, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen wollen. Die Finanzierung basiert hierbei auf einer Kombination aus Unternehmenskapital, Stiftungs- bzw. Staatsgeldern und der Vermarktung der Sorten. Dies kann dazu beitragen, die Züchtung stärker am tatsächlichen Bedarf auszurichten und die Sortenvielfalt durch Nischenkulturen zu erhöhen.

Auslagerung der Mittelakquise

Mit der Auslagerung der Mittelakquise an eine spezialisierte Agentur kann eine effizientere Finanzierung erreicht werden. Mehrere kleine und mittlere Züchtungsprojekte können zu einem größeren Programm zusammengefasst werden, für das dann gemeinsame Mittel eingeworben werden. Dadurch können neue Quellen erschlossen werden, die erst ab einer bestimmten Förderhöhe abrufbar sind. Darüber hinaus kann die Agentur weitere Stakeholder, wie z.B. lokale Behörden, Organisationen oder Unternehmen mit einbeziehen. Ein Modell zwischen „do it yourself“ und Auslagerung praktiziert z.B. der Kultursaat e.V. in Hessen.

Einbindung der Wertschöpfungskette

Seit einigen Jahren wird untersucht, wie – entlang der Wertschöpfungskette – nicht nur die Erzeuger*innen, sondern auch Verarbeiter*innen, Händler*innen und Verbraucher*innen einen Beitrag zur Unterstützung der ökologischen Pflanzenzüchtung leisten können. Es gab inzwischen verschiedene Projekte wie z.B. FAIR BREEDING, bei dem 0,3 Prozent des Nettoumsatzes über zehn Jahre lang an Bio-Zuchtbetriebe geflossen sind. Auch bei einem vom Bundesverband Naturkost Naturwaren unterstützten Projekt zahlt der Handel fünf Jahre lang jeweils 0,015 Prozent des Jahresumsatzes mit Obst und Gemüse in einen Topf, aus dem insgesamt 35 Züchtungsprojekte unterstützt werden. Beim Lokalsortenprojekt des Keyserlingk-Instituts am Bodensee fließen zehn Cent je verkauftem Brot, das mit Mehl aus lokalem Getreide gebacken wurde, an die Züchtungsinitiative zurück.

Einbindung der Verbraucher*innen

Open-Source kann ein starkes Kaufargument für Verbraucher*innen sein: Es steht für ökologische Vielfalt und für Saatgut als Gemeingut. Erste Erfahrungen mit dem Vertrieb von Open-Source-Lizenzsorten haben gezeigt, dass die Verbraucher*innen diese Alternative zum privatisierten Saatgut schätzen (z.B. Sunviva-Tomate oder der Convento C-Weizen, der durch den Verkauf von „Open-Source-Brot“ in Berliner Bäckereien bekannt wurde). Die OSL gibt Menschen die Möglichkeit, aktiv etwas gegen die Privatisierung und Monopolbildung im Saatgutbereich zu tun. Mit dem Label „OSL + Bio“ können Lebensmittel aus ökologisch gezüchtetem Saatgut vermarktet werden, die nicht patentiert oder durch andere geistige Eigentumsrechte privatisiert sind. Eingebettet in den zuvor beschriebenen Wertschöpfungskettenansatz kann die gemeinwohlorientierte ökologische Pflanzenzüchtung mittels einer Nutzungsgebühr für die OSL direkt von den Endverbraucher*innen finanziert werden, was eine eigene Qualität bzw. ein neues Bewusstsein in Bezug auf die Unterstützung der ökologischen Pflanzenzüchtung schaffen würde. Außerdem wird dadurch auf die Herkunft des Saatguts aufmerksam gemacht – ein Aspekt der Transparenz, der bisher völlig vernachlässigt wurde. Dadurch kann ein Pull-Effekt erzeugt werden, der die Nachfrage nach OSL + Bio erhöht und die Züchter*innen darin ermutigt, nach den Open-Source-Kriterien zu arbeiten. Bei der Umsetzung muss eine unabhängige Organisation die OSL verwalten, Standards entwickeln und Partner*innen für die Zertifizierung auswählen und schließlich sollen größere Supermarktketten in einer Übergangsphase das OSL + Bio-Label dann in den Markt einführen.

Diese Konzepte können außerdem durch staatliche Unterstützung der ökologischen Pflanzenzüchtung (und nicht nur der Züchtungsforschung) z.B. auf EU-Ebene im Rahmen des Green Deal ergänzt werden. Die vielversprechendste Kombination muss in den einzelnen Projekten, die sich inzwischen in der neu gegründeten internationalen Allianz „Global Coalition of Open Source Initiatives“ (GOSSI) zusammengeschlossen haben, jeweils individuell verhandelt werden. Die Einbindung der gesamten Wertschöpfungskette, staatliche Förderung und die Einbeziehung der Verbraucher*innen scheinen dabei jedenfalls vielversprechende Ansätze zu sein. Durch die Einführung dieser neuen Finanzierungsmöglichkeiten können die Bedingungen für die ökologische Pflanzenzüchtung weltweit maßgeblich verbessert werden, wodurch die dringend benötigte pflanzengenetische Vielfalt geschaffen und somit die Agrarwende in der Landwirtschaft konkret vorangetrieben werden kann.

 

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